Der Sommer ist die Zeit der halb geleerten Büros und der langen Abende – und damit die Gelegenheit, endlich das nachzuholen, wofür im Tagesgeschäft nie Ruhe war. Wer die interpack im Frühjahr nur zwischen zwei Terminen mitbekam oder ganz verpasst hat, findet jetzt den passenden Moment: zurücklehnen, Kopfhörer auf, und die Gespräche noch einmal in Ruhe verfolgen, die in der Branche nachhallen.
Aus sieben Tagen interpack TV Live und über 70 Talks hat die Redaktion die acht meistgesehenen herausgegriffen – Gespräche mit Juristen, Systembetreibern, Marktforschern und Maschinenbauern, deren Themen den Sommer überdauern. Denn eines rückt mit jedem Tag näher: Am 12. August greift die EU-Verpackungsverordnung PPWR. Wer die ruhigen Wochen zum Aufholen nutzt, geht danach besser vorbereitet ins zweite Halbjahr. Alle Videos bleiben in voller Länge abrufbar unter interpack.packaging-journal.de.
PPWR: erst die Rolle, dann die Pflichten
Wer seine Rolle nicht kennt, hat ein Problem – so bringt es Dr. Markus W. Pauly, Rechtsanwalt der Kanzlei Pauly aus Köln, auf den Punkt. Ab dem 12. August 2026 greift die PPWR, parallel dazu das gerade erst kurzfristig verabschiedete deutsche Verpackungsrechts-Durchführungsgesetz (VerpackDG). Die Verordnung unterscheidet zwischen dem Hersteller, der eine Verpackung erstmalig in Verkehr bringt, und dem Erzeuger, der maßgeblichen Einfluss auf ihre Gestaltung hat. Letzterer trägt das größte Pflichtenpaket – inklusive Konformitätserklärung.
Stand früher fast nur der Abfüller in der Pflicht, kann nun auch der reine Packmittelhersteller Adressat sein, und ein Unternehmen kann beides zugleich sein. Verschärft wird die Lage durch eine deutsche Besonderheit: Im neu regulierten B2B-Bereich müssen sich Unternehmen einer Organisation der Herstellerverantwortung anschließen, doch die zuständige Stelle ZSVR kann diese Aufgabe erst übernehmen, wenn das VerpackDG in Kraft ist. Paulys Rat: zuerst die Rolle definieren, dann die Pflichten nach PPWR und VerpackDG prüfen. Wer am Stichtag nicht startklar ist, riskiert eine Ordnungswidrigkeit oder ein Inverkehrbringverbot.
Wie unterschiedlich die Branche mit dieser Aufgabe umgeht, zeigt Dr. Natalie Brandenburg, Geschäftsführerin des Deutschen Verpackungsinstituts (DVI). Das am 25. Januar veröffentlichte Guidance Document zur PPWR habe wichtige Klarheit gebracht, vor allem bei den Rollen und der Definition von Verpackung. Das eigentliche Problem liege woanders: in der Heterogenität der Vorbereitung. Eine aktuelle DVI-Befragung zeige eine enorme Spannweite an Datenanfragen – von „Schicken Sie mir alles für den 12.08.“ bis zu vierzehnseitigen Excel-Tabellen, die manuell ausgefüllt werden sollen.
Beides sei symptomatisch für ein gefährliches Know-how-Gefälle in der Wertschöpfungskette. Ihre Antwort: Konformitätserklärung und technische Dokumentation müsse die Branche mit einer Stimme angehen. Landeten 15 verschiedene Varianten in Brüssel, lasse sich nichts lösen; eine konsolidierte Industrieantwort schaffe Dialogbereitschaft. Eine Verschiebung der PPWR lehne das DVI ab – wer die Deadline aufweiche, verliere Glaubwürdigkeit. Ihr Rat: Schritt für Schritt arbeiten und die bestehenden Netzwerke nutzen.
Wenn Innovation pausiert
Kurz vor dem Stichtag herrscht auf den Ständen ein eigenartiges Schweigen, beobachtet Sonja Bähr, Verpackungsberaterin bei Berndt+Partner Creality und Kolumnistin beim packaging journal. Über die PPWR werde wenig gesprochen, dafür umso mehr über die ältere Single Use Plastics Directive – und mancher Hersteller werbe mit „PPWR-konform, weil kompostierbar“, was inhaltlich kaum trage. Die Rollenfindung – bin ich Hersteller, Erzeuger oder beides? – führe in komplexen Lieferketten zu einem Master-and-Servant-Spiel: Handel und Markenartikler reichten Pflichten an Lieferanten durch, die selbst oft nicht wüssten, was sie unterschreiben. Nötig sei das Gegenteil – mehr Austausch, mehr Daten, mehr Augenhöhe entlang der Kette.
Der größte Effekt der Verordnung sei zugleich der ungewollteste: Innovation stehe hintenan. Brands konzentrierten sich auf Grundkonformität, marketinggetriebene Entwicklungen fielen weg. Zwei bis drei Jahre werde es brauchen, bis sie zurückkehre – dann getrieben von Recyclingfähigkeit, Rezyklatanteil und Minimierung. Ihr Appell: Die PPWR sei im Grundsatz richtig, müsse aber klar und verständlich sein und nicht ein Regelwerk, für das es zwingend Berater brauche.
Rohstoffschock trifft Recycling-Realität
Wie schnell geopolitische Erschütterungen im Regal ankommen, zeigt der Talk von Dr. Martin Engelmann, Hauptgeschäftsführer der Industrievereinigung Kunststoffverpackungen (IK). Seit die Straße von Hormus Anfang März gefährdet und geschlossen wurde, seien die Polymerpreise weltweit explodiert: Eine IK-Mitgliederbefragung dokumentiere einen Anstieg von rund 60 Prozent zwischen Februar und April – einen Preisschock dieser Größenordnung habe die kunststoffverarbeitende Industrie noch nie gesehen. Vor Jahresende rechnet Engelmann nicht mit einer Normalisierung, zumal Preisanpassungsklauseln oft erst nach drei Monaten griffen.
Die Bilanz sei trotzdem nicht nur düster: Beim Kunststoffrecycling im Gelben Sack erreiche Deutschland mit 71 Prozent, die zum Recycler gehen, einen neuen Rekord; die Vorgabe von 63 Prozent werde das dritte Jahr in Folge übertroffen. Kritisch sieht er den Papier-Trend: Marketingabteilungen ließen sich von der Plastik-ist-böse-Erzählung treiben, am Ende entstünden Papier-Kunststoff-Verbunde, die niemand mehr recyceln könne. Sein Vorschlag: eine Öko-Modulierung der Lizenzentgelte nach französischem und belgischem Vorbild, damit auch der Controller in solchen Entscheidungen mitrede.
Noch grundsätzlicher setzt Dr. Hermann Onusseit an, Klebstoff- und Verpackungsurgestein nach über 40 Jahren bei Henkel. Die PPWR fordere Kreislaufwirtschaft, die Physik kenne sie nicht. Die schönen Recyclingkreisläufe sähen aus wie ein Perpetuum mobile – aber den zweiten Hauptsatz der Thermodynamik kenne jeder, der in der Schule aufgepasst habe. Jeder Prozess habe Verluste, vieles, was als Recycling verkauft werde, sei tatsächlich Downcycling. Besonders kritisch sieht er das Zusammenspiel von Lebensmittelrecht und PPWR-Rezyklatquoten:
Die EFSA verlange für Verpackungen mit Lebensmittelkontakt extrem niedrige Kontaminationsgrenzen; für Polyolefine wie PE und PP gebe es derzeit kein zugelassenes Verfahren, das das sicher erreiche. PET funktioniere nur, weil es sortenrein gesammelt und über das Pfand zurückgespielt werde – im Gelben Sack sei das Material faktisch verloren. Trotzdem schreibe die PPWR demnächst zehn Prozent Regranulat in produktsensitiven Verpackungen vor. Sein Rat an alle, die „PPWR-konform“ lesen: nach Zertifikaten und Messergebnissen fragen, nicht nach bunten Bildern. Der eigentliche Fortschritt liege ohnehin in der KI-gestützten Sortiertechnik.
Dass Versorgungssicherheit auch anders gedacht werden kann, führt Alexander Reitz von PreZero vor. Während die Branche vor einem Rezyklat-Engpass 2030 warnt, hat die Schwarz Gruppe längst ihren eigenen Kreislauf gebaut. PreZero, einst als interner Green-Cycle-Service für Stretchfolie und Karton aus den Filialen gestartet, ist nach Übernahmen von Tönsmeier, Teilen von Suez Europa und Cespa heute mit 25 Prozent Marktanteil das größte EPR-System für Verpackungen in Deutschland; der Anteil wuchs von elf auf eben jene 25 Prozent. Für Reitz ist das Versorgungssouveränität in einer Branche, die in fünf Jahren um hochwertige Rezyklate kämpft. Wo der Marktdurchschnitt im Gelben Sack 51 Prozent Recyclingquote schaffe, komme PreZero auf 55; aus dieser Materialbasis entstünden 100-Prozent-rPET-Flaschen bei Schwarz Production und HDPE-Verpackungen für Kosmetik.
Der eigentliche Wandel sei aber mental: Verpackung sei lange Beiwerk zum Produkt gewesen, jetzt rücke sie ins Zentrum – mit Compliance-Pflichten, die früher in Beschaffungsentscheidungen einfließen müssten. Das größte ungenutzte Potenzial sieht er in den Daten: Wer granular wisse, welche Materialien er nutze, könne standardisieren und Kostentreiber identifizieren. Sein Rat an die Branche: einfach machen, das meiste sei keine Raketenwissenschaft.
Was der Konsument (nicht) zahlt
Einen nüchternen Blick auf die Nachfrageseite liefert Dr. Daniel Bornemann, Senior Partner bei der Strategieberatung Simon-Kucher. Die Zahlungsbereitschaft für nachhaltige Verpackungen sei seit 2021 von 81 auf 54 Prozent eingebrochen, der akzeptierte Aufpreis liege bei mageren acht Prozent auf das Endprodukt. Darin sieht er keinen Bedeutungsverlust, sondern eine Verschiebung: Nachhaltigkeit sei Normalität geworden, fast Compliance – etwas, das man voraussetze, statt es als Differenzierung wahrzunehmen. Schmutzige Verpackung werde im Regal schlicht nicht mehr akzeptiert, ohne dass der Konsument dafür extra zahle. Die jährliche Simon-Kucher-Studie zeige zudem, dass 66 Prozent möglichst wenig Verpackung für das wichtigste Nachhaltigkeitsmerkmal hielten – nicht Material, nicht Rezyklat, sondern Reduktion.
Ein Befund, den auch die PPWR mit ihrem Verbot überschüssiger Luftpakete aufgreife. Operativ stecke die Branche in einem Sandwich: Die Rohstoffpreise stiegen mit der Hormus-Lage, der Einkauf weigere sich aber, Erhöhungen weiterzugeben. Wer langfristige Lieferverträge habe und Recycling integriert habe, komme besser durch. Mit Blick auf 2029 erwartet Bornemann keinen Bruch, sondern Fortsetzung: Der Hype weiche der Normalität, Verpackung bleibe ein System – und wer 2030 nicht PPWR-vorbereitet sei, werde ein Problem haben.
Overengineering hat ausgedient
Auf seiner elften und als VDMA-Geschäftsführer letzten interpack zieht Richard Clemens eine selbstkritische Bilanz für den deutschen Verpackungs- und Nahrungsmittelmaschinenbau. Der Auftragseingang im ersten Quartal sei schwach gewesen, doch die ersten Messetage hätten als Katalysator funktioniert. Wichtiger ist Clemens eine grundsätzliche Botschaft: Es sei kein Naturgesetz, dass deutsche Hersteller technologisch führend blieben – Wettbewerber aus China, Indien und Italien bauten gute Maschinen und holten Marktanteile. Sein Appell: Die Branche müsse kundenzentrierter werden, schneller an den Markt kommen und sich vom Anspruch der 140-Prozent-Lösung verabschieden.
Oft reiche „good enough“, dafür mit kürzerer Time to Market. Auch Investoren dächten nicht mehr in Maschinenlaufzeiten von zwanzig Jahren, sondern in drei bis fünf. Trotz aller Selbstkritik bleibt Clemens optimistisch: Verpackung sei eine attraktive Branche, gegessen und getrunken werde immer, die Weltbevölkerung wachse, die Nachfrage nach verpackten Lebensmitteln und Pharmazeutika steige stetig. Sein zentrales Anliegen für die nächsten Jahre: junge Talente gewinnen. Ohne Nachwuchs mit Wissen in Mechatronik, Automation und Packmitteln werde die Spitzenposition nicht zu halten sein.







