Die europäische Stahlindustrie steht vor einer entscheidenden Weichenstellung: Die Definition von ‚grünem Stahl‘ wird zukünftig maßgeblich darüber entscheiden, welche Produkte in öffentlichen Vergabeverfahren und Förderprogrammen bevorzugt werden. Dies hat erhebliche Auswirkungen auf Investitionen entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Der BDE Bundesverband der Deutschen Entsorgungs-, Wasser- und Kreislaufwirtschaft fordert daher eine klare Klassifizierung, die sich ausschließlich an den tatsächlichen Treibhausgasemissionen orientiert.
Vor dem Hintergrund anstehender europäischer Weichenstellungen zur Definition von „grünem Stahl“ – unter anderem im Rahmen der Ökodesign-Verordnung für nachhaltige Produkte, des Clean Industrial Deal und des geplanten Industrial Accelerator Act drängt der BDE auf eine Klassifizierung, die sich ausschließlich an den tatsächlichen Treibhausgasemissionen orientiert.
Laut der Gemeinsamen Forschungsstelle der Europäischen Kommission (JRC) entfallen auf die Stahlindustrie rund fünf bis sechs Prozent der gesamten Treibhausgasemissionen der Europäischen Union. Wie das künftige Klimalabel ausgestaltet wird, entscheidet maßgeblich darüber, welche Produkte in öffentlichen Vergabeverfahren und Förderprogrammen bevorzugt werden. Damit setzt das Klassifizierungssystem entscheidende Anreize für die Rohstoff- und Energiewende entlang der gesamten Wertschöpfungskette.
Kritik am LESS-System
Der BDE kritisiert insbesondere das von der Wirtschaftsvereinigung Stahl entwickelte Low Emission Steel Standard (LESS)-System, das mit einer sogenannten ‚Sliding Scale‘ arbeitet. Diese koppelt die zulässige Emissionsschwelle an den eingesetzten Schrottanteil, was zu einer Verzerrung der tatsächlichen Klimawirkung führen kann.Das LESS-System erlaubt es, dass Stahlprodukte, die über die emissionsintensive Hochofenroute mit einem geringen Rezyklatanteil hergestellt werden, in die gleiche Klasse wie Produkte mit einem hohen Rezyklatanteil und geringeren Emissionen eingestuft werden.
„Ein Grünstahl-Label muss auf den ersten Blick zeigen, wie viele Treibhausgasemissionen je Tonne Stahl tatsächlich anfallen. Der in LESS verankerte Sliding-Scale-Ansatz konterkariert genau dieses Ziel: Die erzbasierte Oxygenroute verursacht mehr als dreimal so hohe Treibhausgasemissionen wie die Elektrostahlroute, erhält aber dieselbe LESS-Klasse. Das JRC lehnt diese Verzerrung zu Recht ab und setzt auf diskriminierungsfreie, rein emissionsbasierte Klassen. Dieser Ansatz muss beibehalten werden. Nur so erhalten Beschaffer eine verlässliche Orientierung und nur so wird der Einsatz von Recyclingrohstoffen gestärkt, statt die Transformation der Stahlindustrie regulatorisch auszubremsen“, erklärt Bernd Fleschenberg, Vorsitzender des Arbeitskreises Metallrecycling im BDE.
Forderungen des BDE
Der BDE hat vier zentrale Forderungen für die zukünftige Grünstahl-Definition aufgestellt:
- Die Klassifizierung muss auf dem absoluten Product Carbon Footprint auf Cradle-to-Gate-Basis beruhen.
- Die vorgelagerte Lieferkette muss vollständig einbezogen werden, um die Verlagerung emissionsintensiver Produktionsschritte in Länder außerhalb der EU zu vermeiden.
- Ambitionierte Klassengrenzen müssen festgelegt werden, die sich am absoluten CO2-Fußabdruck orientieren und besonders emissionsarme Produkte belohnen.
- Ein verbindlicher Minderungspfad muss im delegierten Rechtsakt festgelegt werden, um Planungs- und Investitionssicherheit zu gewährleisten.
Die anstehende Entscheidung über die Definition von grünem Stahl ist nicht nur für die Stahlindustrie von Bedeutung, sondern auch für die gesamte europäische Industriepolitik. Sie wird entscheidende Anreize für die Rohstoff- und Energiewende entlang der gesamten Wertschöpfungskette setzen.
Quelle: BDE Bundesverband der Deutschen Entsorgungs-, Wasser- und Kreislaufwirtschaft






