Raus aus dem Reinraum dank innovativer Technik

Mit dem virtuellen Modell kann z. B. trainiert werden, wie man Formatsätze tauscht oder Wartungsaufgaben zu erledigen sind. (Bild: Bausch+Ströbel)
Mit dem virtuellen Modell kann z. B. trainiert werden, wie man Formatsätze tauscht oder Wartungsaufgaben zu erledigen sind. (Bild: Bausch+Ströbel)

CSL Behring bietet eine der branchenweit breitesten Paletten an hochwertigen, aus menschlichem Blutplasma und rekombinant hergestellten Produkten, die weltweit vertrieben werden. In Marburg werden sie mit vollautomatischen Abfüll- und Verschließanlagen von Bausch+Ströbel verarbeitet. Dank Virtual-Reality-Center des Maschinenbauers ist das Ersatzteilmanagement ohne Unterbrechung der Produktionsprozesse möglich.

Seit mehr als 100 Jahren ist CSL Behring führend in der Erforschung und Entwicklung von Biotherapeutika. Diese sind heute unter anderem indiziert für die Behandlung von Gerinnungsstörungen, Autoimmunerkrankungen, Immunstörungen, Transplantationen sowie für die Intensivversorgung, etwa in der Herzchirurgie. Die Wurzeln des Unternehmens lassen sich zu Emil von Behring, dem ersten Nobelpreisträger für Physiologie und Medizin, zurückverfolgen.

Für die Herstellung und Weiterverarbeitung der Therapeutika sind die Einhaltung strenger Regularien sowie eine hohe Sorgfalt im Produktionsverfahren notwendig. Dies gilt insbesondere für den Bereich, in dem der Wirkstoff portionsweise abgefüllt wird. Hier herrschen strenge Reinraumbedingungen, um zu garantieren, dass keine Partikel oder Keime beim Füllprozess in die kleinen Glasfläschchen gelangen.

Manuelle Eingriffe minimieren

Die meisten Arbeitsschritte laufen dabei mit speziell für diesen Zweck konzipierten Abfüll- und Verschließanlagen von Bausch+Ströbel vollautomatisiert ab. Der Bedarf an menschlichen Eingriffen ist auf ein Mindestmaß reduziert. Die Menschen, die berechtigt sind, diesen Raum während des Abfüllprozesses zu betreten, sind gesondert geschult: Nur in spezieller Kleidung und nach dem Durchqueren mehrerer Schleusen ist der Zutritt erlaubt.

Betriebsingenieur Jan Bieker ist für die Verfügbarkeit und Produktivität der Anlagen bei CSL in Marburg verantwortlich. „Es ist sehr aufwendig, unter diesen Bedingungen Reparaturen durchzuführen“, betont er. Die Zeiten, in denen z. B. Kontrollen durchgeführt oder Teile vorsorglich getauscht werden können, sind eng getaktet. Aus diesem Grund ist es wichtig, handlungsfähig zu sein. Voraussetzung dafür ist, die richtigen Teile griffbereit zu haben.

Virtual-Reality-Center: Teil für Teil kann in der Maschine direkt durchgegangen werden. Ersatzteilmanagement wird so sehr übersichtlich, ohne den Produktionsprozess im Werk Marburg unterbrechen zu müssen. (Bild: Bausch+Ströbel)

Virtual-Reality-Center: Teil für Teil kann in der Maschine direkt durchgegangen werden. Ersatzteilmanagement wird so sehr übersichtlich, ohne den Produktionsprozess im Werk Marburg unterbrechen zu müssen. (Bild: Bausch+Ströbel)

Virtual-Reality-Center live

Mit einer 3-D-Brille ausgestattet, stehen Jan Bieker und seine Kollegen Patrick Elsässer und Daniel Siebert nicht im heimischen Reinraum, sondern vor einer großen Leinwand, auf der die Marburger Anlage eins zu eins abgebildet ist. Das Team ist beim Hersteller der Anlage, dem Spezialmaschinenhersteller Bausch+Ströbel in Ilshofen, und absolviert hier einen speziellen Workshop zum Thema Ersatzteilmanagement.

So ist es kein Problem, die Abdeckung des Unterbaus abzunehmen, sich die darunterliegende Technik, die Servomotoren, Antriebswellen und weitere Bauteile in aller Ruhe genauer anzuschauen, die Türen zum sensiblen Abfüllbereich zu öffnen und das Füllsystem unter die Lupe zu nehmen. Schritt für Schritt gehen sie gemeinsam durch die Anlage. „So genau habe ich die Anlage noch nie gesehen“, erklärt Daniel Siebert begeistert.

Maschinenbauingenieur Florian Naser ist bei der Bausch + Ströbel Maschinenfabrik verantwortlich für das VR-Center. (Bild: Bausch+Ströbel)

Maschinenbauingenieur Florian Naser ist bei der Bausch + Ströbel Maschinenfabrik verantwortlich für das VR-Center. (Bild: Bausch+Ströbel)

„Durch vorausschauende Planung kann auch dank VR-Center mancher Anlagenstillstand im Vorfeld mit einfachen Mitteln vermieden und die Produktivität gesteigert werden“, erklärt Florian Naser, verantwortlich für das VR-Center bei Bausch+Ströbel.

Das Technikerteam von CSL zeigt sich begeistert von den Möglichkeiten, die das Virtual-Reality-Center von Bausch+Ströbel bietet. „Das VR-Center ist ein spezielles Angebot für unsere Kunden. Es wird zum Beispiel genutzt, um das Maschinendesign am Anfang eines Projekts anschaulich zu besprechen oder aber um Bedienpersonal zu schulen, ohne dass die Anlage hierfür aus der Produktion herausgenommen werden muss“, erklärt Florian Naser.

Verfügbarkeit und Produktivität gewährleisten

Treten Probleme im Reinraum auf, muss in der Regel schnell gehandelt werden. Jede Stunde Stillstandszeit der Maschinen kostet das Unternehmen Geld. „Richtig teuer wird es, wenn wir es nicht schaffen, einen fertigen Wirkstoff in der vorgegebenen Zeit zu verarbeiten und dann z. B. eine Charge hochwertige Medizin verworfen werden muss, weil sie zu lange stand“, erklärt Bieker. Im schlimmsten Fall kann so ein Schaden in die Millionen Euro gehen.

Erklärtes Ziel ist es deshalb, die Zeiten, in der die Anlage nicht produziert, so gering wie möglich zu halten. Wichtig ist hier nicht nur die Betreuung der Anlage im Dreischichtbetrieb, sondern auch ein professionelles und durchdachtes Ersatzteilmanagement. Dies gibt es bei CSL Behring natürlich schon.

„Welche Teile wir in welcher Zahl auf Lager halten sollten oder was wir regelmäßig austauschen, basiert allerdings hauptsächlich auf unseren Erfahrungswerten“, bringt es Patrick Elsässer auf den Punkt. Im Zweifelsfall entscheide dann auch gelegentlich das Bauchgefühl, ergänzt er.

Hochwertige Therapeutika verarbeiten: Die Anlage bei CSL Behring in Marburg ist nahezu rund um die Uhr im Einsatz. (Bild: Bausch+Ströbel)

Hochwertige Therapeutika verarbeiten: Die Anlage bei CSL Behring in Marburg ist nahezu rund um die Uhr im Einsatz. (Bild: Bausch+Ströbel)

Neue Wege beim Ersatzteilmanagement

Mit dem Workshop beim Anlagenhersteller wollen sie diese Erfahrungswerte nun noch weiter verifizieren. Der erste Schritt ist der Besuch im VR-Center. Hier gehen er und seine Kollegen mit den Maschinenbauspezialisten Schritt für Schritt durch die Anlage, diskutieren über die Belastung einzelner Baugruppen, über Lieferzeiten und Lagerbestand einzelner Komponenten.

Die Vorarbeit wurde hierzu von den Spezialisten bei Bausch+Ströbel geleistet. Sie haben in Kleinstarbeit jedes Teil, jede Schraube begutachtet und im Rahmen einer zweidimensionalen Risikobewertung der Anlage bereits aus technischer Sicht die wichtigsten Teile identifiziert.

Im nächsten Schritt gilt es, die Logik und das Vorgehen bei der Bewertung der Teile dem Team von CSL näherzubringen, um anschließend die rein technische Sicht mit den speziellen Anforderungen und Erfahrungen von CSL zu verschmelzen. Dies geschieht im Rahmen des Workshops im direkten Austausch.

Abgleich der Erfahrungswerte

Nachdem sich das Team einen guten Überblick über die Anlage verschafft hat, geht es in einem zweiten Schritt noch mehr ins Detail. Das Wartungsteam von CSL Behring gleicht seine Einschätzungen über die Lebensdauer von einzelnen Teilen und die Notwendigkeit, diese auf Lager zu haben, mit den Erfahrungswerten der B+S-Fachleute ab.

„Das ist nicht immer deckungsgleich, weil unterschiedliche Kunden unsere Anlagen auch unterschiedlich nutzen“, so Daniel Bühler, der bei B+S im Bereich Service tätig ist.

Gemeinsam wurde ermittelt, welche Teile in welcher Stückzahl angeschafft und direkt in Marburg auf Lager gehalten werden, welche Teile außer Acht gelassen werden können, weil sie unkritisch oder aber in Marburg schon eingelagert sind und welche im Bedarfsfall direkt und schnell beim Anlagenbauer besorgt werden können.

„Für uns war dieses systematische Vorgehen sehr hilfreich“, so Daniel Siebert am Ende des zweiten Workshoptages. Er und seine Kollegen erwarten, im Bedarfsfall eine Line noch schneller als bisher wieder in die Produktion zu bringen.

Zudem ziehen sie in Erwägung, das VR-Center auch zu Schulungszwecken für die Instandhalter zu nutzen. „Auch uns hilft dieser Workshop sehr. Wir können unsere Kunden zielgerichtet dabei unterstützen, deren Anlagenverfügbarkeit zu erhöhen“, ergänzt Daniel Bühler.

www.bausch-stroebel.com