Hagenauer+Denk: Vom Bindfaden zum Verpackungsroboter

Seit 1857 im Angebot: Bindfaden aus italienischem Hanf und Allgäuer Flachs.
Seit 1857 im Angebot: Bindfaden aus italienischem Hanf und Allgäuer Flachs. (Bild: Hagenauer+Denk KG)

Für den Immenstädter Bürger Fidel Hagenauer ist der 22. Januar 1803 ein denkwürdiges Datum. An diesem Tag bekommt er seine „Handlungs- und Kramerey-Gerechtigkeit“ von Graf zu Königsegg-Rothenfels verliehen. Dieses Dokument gilt als Gründungsurkunde für das in siebter Generation geführte Familienunternehmen, das heute als Hagenauer+Denk KG (H+D) firmiert.

Seine einzigartige Historie hat H+D der Erfolgsgeschichte des Bindfadens zu verdanken, der bereits im Jahr 1857 in einer kleinen Flachs- und Hanfspinnerei in Immenstadt industriell verarbeitet wurde. Bis zu dieser Zeit hatte sich die Firma Hagenauer als Importeur und Großhändler für Leinstoffe in Schwaben einen Namen gemacht und ein Textil- und Kurzwarengeschäft geführt.

Die zweite und dritte Generation

Flachs wurde im 19. Jahrhundert im Allgäu angebaut, so erinnert der Ausdruck „eine Fahrt ins Blaue“ noch heute an den blau blühenden Flachs. Da zur damaligen Zeit praktisch alle gehandelten Waren, egal ob in Säcken, Schachteln oder Papier, mit einem Bindfaden verschnürt werden mussten, erlebte H+D bereits Mitte des 19. Jahrhunderts einen deutlichen Aufschwung.

Maximilian Petrus Paulus Hagenauer hatte 1832 das Geschäft seines Vaters Fidel übernommen. Um das florierende Geschäft weiter auszubauen, übernimmt sein Sohn Max jr. Hagenauer 1863 die Geschäfte seines Vaters in dritter Generation. 1880 nimmt dieser seinen Schwager Albert Denk als zusätzlichen Gesellschafter auf, was dem Geschäft zu weiterer Blüte verhilft. Das Geschäft firmiert nun unter dem neuen Namen „Max Hagenauer & Denk – Generalvertretung und Lagerhalter der mechanischen Bindfadenfabrik“ und ist verantwortlich für den Absatz von jährlich bis zu 230 Tonnen Garne, Schnüre und Seile. Ab 1903 folgt der Aufbau einer eigenen „Hanfhechelei“, um Rohhanf für die Weiterverarbeitung durch Kämmen zu glätten und nach Längen zu sortieren.

Das Unternehmen bekennt sich seit 1803 zum Standort Immenstadt.

Das Unternehmen bekennt sich seit 1803 zum Standort Immenstadt. (Bild: Hagenauer+Denk KG)

Die vierte Generation

Zu Beginn des Ersten Weltkriegs werden die Söhne der dritten Generation, Ernst Hagenauer und Walther Denk, eingezogen. Die großen Flachslieferungen aus Russland bleiben aus und durch den Kriegseintritt Italiens im Jahr 1915 entfallen auch Einfuhren aus dem bedeutendsten Hanfanbaugebiet Europas. 1925 können jedoch die beiden Kriegsrückkehrer in vierter Generation das Ruder der Max Hagenauer & Denk oHG übernehmen.

Während der Zeit des Nationalsozialismus gehört der Betrieb dem „Reichsverband der deutschen Großhändler mit Hanferzeugnissen“ an. Ein sogenannter Reichskommissar schreibt den Mitgliedern die Preisgestaltung vor. Ein freier Markt existiert nicht mehr. Im Zentrum aller NS-Wirtschaftspläne stehen Aufrüstung und Krieg. Wie schon im Ersten Weltkrieg führt auch jetzt der allgemeine Rohstoffmangel dazu, dass das Unternehmen nur noch Bindfaden und Schnüre aus Papier verkaufen kann.

Museum für Verpackungskultur

Packmuseum der Firma Hagenauer

Packmuseum der Firma Hagenauer (Bild: Hagenauer+Denk KG)

Im Firmengebäude der Hagenauer+Denk KG harmonieren Innovatives und Museales miteinander. In unmittelbarer Nähe zu den Planungsbüros und den Präsentationsräumen für hochmoderne Verpackungssysteme ist in den letzten Jahrzehnten ein kleines Museum für Verpackungskultur entstanden. Ein inszeniertes historisches Handelskontor, ausgestattet mit originalem Firmenmobiliar aus früherer Zeit, bietet interessante Einblicke in die Entwicklung der Packmittel: Das Spektrum reicht von der Spanschachtel über den Hanfbindfaden bis zum ersten Klebeband. Die Sammlung wird ständig erweitert.

Kunststoff löst den Bildfaden ab

So bedeutsam der Bindfaden für annähernd 100 Jahre Firmengeschichte von H+D war, so schnell kam auch sein Niedergang durch die in den 1930er-Jahren entwickelten Kunststoffe: 1930 bringt der Ingenieur Richard Drew in den USA sein „Scotch Cellulose Tape“ auf den Markt, das binnen kurzer Zeit zu einem weltweiten Erfolg wird. 1936 folgt Beiersdorf in Hamburg und vertreibt unter dem Markennamen „Tesa-Klebefilm“ Selbstklebebänder, mit denen sich Wellpappverpackungen einfach und sicher verschließen lassen. Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg kommen Kunststoffumreifungsbänder und -stretchfolien auf den Markt.

Bereits seit 1936 im Lieferprogramm von H+D: Tesa-Selbstklebebänder. (Bild: Hagenauer+Denk KG)

Bereits seit 1936 im Lieferprogramm von H+D: Tesa-Selbstklebebänder. (Bild: Hagenauer+Denk KG)

Für H+D bedeutet dies nicht nur eine komplette Erneuerung seines Produktsortiments, sondern auch die Nutzung einer einmaligen Chance: Erstmals in der Geschichte der Verpackung ist es aufgrund der neu entwickelten Verpackungsmaterialien aus Kunststoff möglich, Verpackungsprozesse zu automatisieren.

Die fünfte und sechste Generation

So beginnt mit der fünften Unternehmergeneration Dr. Herbert Strasser, dem Neffen von Walther Denk, ab dem Jahr 1948 die schrittweise Abkehr von Hanf- und Flachserzeugnissen und die Hinwendung zu den neuen Verpackungsmaterialien.

Als im Jahr 1965 sein Sohn Klaus Strasser in sechster Generation die Geschäftsführung übernimmt, kann das als Hagenauer+Denk KG firmierende Unternehmen bereits einen beachtlichen Umsatzerfolg bei den neuen Verpackungsmaschinen vorweisen.

So verpackt man heute: Der Mitarbeiter übernimmt die Kontrollaufgaben, das Handling übernehmen Maschinen.

So verpackt man heute: Der Mitarbeiter übernimmt die Kontrollaufgaben, das Handling übernehmen Maschinen. (Bild: Hagenauer+Denk KG)

Pionier der automatisierten Endverpackung

Nach der legendären Kartonverschließmaschine T-01, die mit Klebeband Verpackungen verschließt, folgt in den 1960er-Jahren die automatische Umreifungsmaschine SAP-7, die Waren durch ein Umreifungsband mittels Schweißverschluss bündelt. Damit ist H+D Pionier auf dem Gebiet der automatisierten Endverpackung. Weitere Erfindungen, wie die Adressenschutzfolie für Pakete oder das Stahltex®-Polyesterband für die Palettenumreifung folgen. Bereits seit den 1990er-Jahren deckt H+D mit seinem Maschinenprogramm die komplette Verpackungslogistik ab.

Das Sortiment reicht von vollautomatischen Kartonaufrichtern, über Verklebe- und Umreifungsautomaten bis hin zu Palettierrobotern, Palettenmagazinen und Fördertechnik für Schachteln, Behälter und Paletten. Stahltex® wurde 2008 von der weltgrößten Verpackungsmesse Interpack mit dem Preis für „Innovative Produkte mit nachhaltiger Wirkung für die Verpackungsbranche“ ausgezeichnet.

Technische Gummiringe

Hergestellte Gummiringe

Produkte des Unternehmens: Gummiringe (Bild: Hagenauer+Denk KG)

Seit den 1960er-Jahren vertreibt H+D auch technische Gummiringe in Deutschland und Europa. In den Anfangsjahren wird fertig konfektionierte Ware in Thailand geordert, bereits kurze Zeit später erfolgt die Fertigung in Immenstadt. 2010 gelingt der Durchbruch mit der Entwicklung synthetischer Kautschuke, die speziell in der Medizin-, Pharma- und Nahrungsmittelindustrie Anwendung finden. Die beiden Markennamen H+D LongLife® und H+D LatexFree® sind heute branchenweit bekannt und werden überall dort eingesetzt, wo Lebensmittelechtheit, die Vermeidung von Allergien oder Alterungsbeständigkeit eine Rolle spielen.

Anfang 2019 wird mit H+D Silikon® die Angebotspalette um Silikonkautschuk erweitert, um Anfragen nach Gummiringen mit Temperatur-, Licht- und Ölbeständigkeit ebenfalls gerecht werden zu können.

Die siebte Generation: Herausforderung durch Onlinehandel und Automatisierung

In den vergangenen Jahren hat sich die Art der Produktion und des Warenverkehrs grundlegend geändert. Dr. Gerd Strasser ist seit 2005 Firmeninhaber in siebter Generation und hat sich den neuen Herausforderungen des Markts gestellt. Für den Betriebswirt mit Erfahrung in strategischer Unternehmensberatung sind vier Trends erkennbar.

Der erste Trend: Großversender aus dem Onlinehandel mit mehreren Zehntausend Sendungen pro Tag stellen an die Qualität der Verpackungsmaschinen und den Service neue Anforderungen. H+D hat daher ein Servicenetz aus eigenen Mitarbeitern aufgebaut, die mit „rollenden Ersatzteillagern“ Wartungen und Reparaturen vor Ort zeitnah durchführen. Weiterhin ist H+D in der Lage, seinen Kunden für alle Produkte eine Ersatzteilverfügbarkeitsgarantie von 25 Jahren einzuräumen.

Ein zweiter Trend ist die zunehmende Vernetzung der Datenflüsse einer Verpackungsanlage. Leistungsdaten der Maschinen, Störungen und die Möglichkeiten der Störungsbehebung werden mittels Sensoren kontinuierlich aufgezeichnet und ausgewertet. Dadurch lassen sich Ferndiagnosen durchführen, Wartungsintervalle anpassen, Bestellungen für Verpackungsmaterial automatisch auslösen und einzelne Packplätze je nach Auftragslage flexibel zu- oder abschalten. Der Anteil der Steuerungstechnik an den Gesamtkosten eines Verpackungsprojekts steigt daher stetig und erreicht nicht selten 40 Prozent des Auftragswerts.

Dr. Gerd Strasser

Dr. Gerd Strasser (Bild: Hagenauer+Denk KG)

„In wenigen Jahren werden wir Packplätze erleben, bei denen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einen Packprozess kontrollierend begleiten, während alle operativen Aufgaben von einem Handling-Roboter ‚kollegial‘ Hand in Hand ausgeführt werden“, so Dr. Gerd Strasser, Firmeninhaber der Hagenauer+Denk KG, Immenstadt.

Ein dritter Trend ist die vollautonome Intralogistik. So konnte H+D beispielsweise eine Palettenprüfstation, eine Palettenwechselstation und eine Depalettier-Anlage bei einem Milch verarbeitenden Betrieb installieren, bei denen der Wareneingang, die Ein- und Auslagerung und der Warenausgang komplett autonom gesteuert werden. Ein übergeordneter Leitrechner regelt dabei alle Warenströme für die verschiedenen Rollbahnen und autonomen Stapler.

Ein vierter Trend ist die Automatisierung von Verpackungsprozessen zum Zweck der Entlastung der Mitarbeiter durch Handling-Roboter. Dieser Trend wird die kommenden Jahre von H+D stark prägen. Der demografische Wandel und der Fachkräftemangel fordern altersgerechte Arbeitsplätze mit einem maßvollen Einsatz von künstlicher Intelligenz.

Roboter im Einsatz

(Bilder: Hagenauer+Denk KG)

H+D hat den Trend zur Onlinebestellung früh erkannt und bereits im Jahr 2005 den Aufbau eines Webshops gestartet. Der Shop mit dem einprägsamen Namen verpacken.de bietet ein umfangreiches Produktprogramm an Verpackungsmaterialien und -geräten an. Gerd Strasser ist sich sicher, dass die Investitionen in den Shop sinnvoll sind. Um der im Onlinegeschäft typischen Gefahr der Austauschbarkeit entgegenzutreten, setzt H+D auf starke Markennamen und Exklusivität.