Eine Faltschachtel erscheint auf den ersten Blick oft unspektakulär. Doch dahinter steckt eine komplexe Entwicklungsarbeit. Genau hier beginnt der Arbeitsalltag von Katrin Wahl. Als Verpackungsingenieurin im Bereich Research & Development bei Faller Packaging in Waldkirch entwickelt sie Lösungen für pharmazeutische Sekundärverpackungen – von komplexen Faltschachtelkonstruktionen über Kartoneinsätze, die sensible Primärprodukte schützen, bis hin zu kindergesicherten Öffnungsmechanismen.
Ihre Arbeit bewegt sich zwischen Konstruktion, Materialwissenschaft, Produktion und den hohen regulatorischen Anforderungen der Pharmaindustrie. Dabei sollte ihr beruflicher Weg ursprünglich eine ganz andere Richtung haben. „Nach der Schule war ich ein Jahr im Ausland und wollte danach eigentlich Journalismus studieren“, erzählt Katrin Wahl. Bei der Suche nach einem passenden Studiengang an der Hochschule der Medien in Stuttgart entdeckte sie die Verpackungstechnik. „Die Kombination aus Technik und Kreativität hat mich sofort begeistert.“
Technik faszinierte die gebürtige Baden-Württembergerin schon früh. Sie besuchte ein Technisches Gymnasium und interessierte sich immer dafür, wie Dinge funktionieren. Das Studium eröffnete ihr schließlich eine Welt, in der Konstruktion, Design und industrielle Fertigung eng miteinander verzahnt sind. Über eine Forschungsarbeit kam sie erstmals mit Faller Packaging in Kontakt. Auch ihre Bachelorarbeit schrieb sie im Unternehmen. Als ihr anschließend eine Stelle angeboten wurde, musste sie nicht lange überlegen. „Ich kannte das Team bereits und wusste, wie vielfältig die Aufgaben sind. Deshalb habe ich mich sehr gefreut, im Unternehmen bleiben zu können.“

Aus einem Zuschnitt wird ein komplexes System
Seit ihrem Einstieg Ende 2023 entwickelt Katrin Wahl Faltschachteln und Einsätze für pharmazeutische Produkte. Standardlösungen gehören dabei nur selten zu ihrem Alltag. Viel häufiger geht es um individuelle Sonderkonstruktionen, die exakt auf das jeweilige Medikament, die Primärverpackung und die Verpackungsmaschine abgestimmt werden müssen. Da in der Pharmaindustrie meist mit hohen Taktzahlen verpackt wird, sind maschinengängige Verpackungen besonders wichtig. Und so arbeitet die Ingenieurin nicht nur eng mit Kunden zusammen, sondern auch mit Maschinenherstellern.
„Ich finde Lösungen für alles, was komplexer ist als eine Standardfaltschachtel“, so beschreibt sie ihre Aufgabe. Dahinter verbirgt sich ein breites Spektrum an Entwicklungsprojekten. Pens, Vials, Spritzen oder Autoinjektoren benötigen beispielsweise häufig speziell konstruierte Kartoneinsätze, die empfindliche Glasbehälter sicher fixieren und gleichzeitig eine wirtschaftliche Verarbeitung auf Hochleistungsanlagen ermöglichen.

Wenn ein kleiner Riss zur Ingenieursaufgabe wird
Die Komplexität der Verpackungsentwicklung zeigt sich auch bei einem Thema, das für Außenstehende fast banal klingt: Perforationen. Aufreißhilfen gehören heute bei vielen pharmazeutischen Verpackungen zum Standard. Doch die richtige Perforation zu entwickeln, zählt zu den anspruchsvolleren Aufgaben.
„Die Balance muss stimmen zwischen einer hohen Stabilität entlang der gesamten Supply Chain und einem leichten Öffnen beim Patienten.“ Gerade Karton stellt die Verpackungsentwicklung dabei immer wieder vor Herausforderungen, denn Papier ist kein homogener Werkstoff. Faserrichtung, Luftfeuchtigkeit oder der Stanzprozess beeinflussen das spätere Verhalten des Materials erheblich. „Oft liegen die Fasern nicht so, wie man sich das wünschen würde, und das Papier reagiert unterschiedlich auf Feuchtigkeit oder auf die Verarbeitung. Deshalb finde ich das Thema Perforationen zwar sehr interessant, aber auch ziemlich anspruchsvoll.“
Nachhaltigkeit verändert die Entwicklung
Der Nachhaltigkeitstrend ist längst in der Pharmabranche angekommen – zuletzt auch getrieben von der europäischen Verpackungsverordnung PPWR. „Aktuell wird bei Pharmaverpackungen viel Kunststoff durch Karton ersetzt, oder es werden Grammaturen reduziert, um Material zu sparen und Verpackungen leichter zu machen. Bei Faller arbeiten wir schon immer mit einem nachhaltigen Material, aber auch unsere Lösungen werden kontinuierlich optimiert, kleiner und leichter.“
Auch die Auswahl des geeigneten Kartonmaterials ist anspruchsvoll. Recyclingfasern sind aus Nachhaltigkeitssicht grundsätzlich interessant, doch im Pharmabereich gelten strenge Anforderungen an Sauberkeit und Prozesssicherheit. „Bei einem hohen Recyclingfaseranteil entsteht mehr Staub. Das kann die Maschinengängigkeit beeinträchtigen. Deshalb arbeiten wir überwiegend mit Frischfaserkarton.“

Sicherheit neu denken
Ein aktueller Schwerpunkt ihrer Arbeit beschäftigt sich mit dem Thema kindergesicherte Verpackungen. Während in Europa meist ein Hinweis auf der Faltschachtel ausreicht, sind die gesetzlichen Regularien auf dem US-Markt andere. Hier müssen konstruktive Lösungen entwickelt werden, die für Kinder nahezu unüberwindbar sind, Erwachsenen und insbesondere Senioren jedoch eine komfortable Bedienung ermöglichen. „Meist geschieht das über Features, die kognitive Fähigkeiten nutzen, die Kinder noch nicht haben. Das können Bewegungsabläufe sein, bei denen gleichzeitig gedrückt und gezogen werden muss oder beide Hände erforderlich sind. Ebenso spielen Materialstärken oder Abmessungen eine Rolle.“
Die unterschätzte Verpackung
Obwohl Katrin Wahl täglich mit hochkomplexen Konstruktionen arbeitet, bleibt für sie die eigentliche Faszination überraschend bodenständig. „Mich begeistert, dass aus einem simplen Kartonzuschnitt durch Falten und Kleben eine hochkomplexe Faltschachtel entsteht, in der eine so große Produktvielfalt verpackt werden kann. Faltschachteln wirken unscheinbar und bieten doch so viele Funktionen und Möglichkeiten.“
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