Undichte Schutzgasverpackungen, Kartonmagazine, die noch von Hand nachgefüllt werden, Fremdkörper aus Kunststoff im Produktstrom: Mehrere der Entwicklungen, die die DLG (Deutsche Landwirtschafts-Gesellschaft) mit dem International FoodTec Award 2027 auszeichnet, setzen an Problemen an, die Verpackungs- und Produktionsverantwortliche aus dem Alltag kennen. Insgesamt 21 Projekte aus acht europäischen Ländern hat eine international besetzte Jury aus Wissenschaft, Forschung und Industrie prämiert, fünf davon mit Gold, 16 mit Silber. Die Preise werden am 23. Februar 2027 auf der Anuga FoodTec in Köln überreicht.
Der Preis wird alle drei Jahre vergeben. Gold erhalten nach den Kriterien der DLG Produkte und Dienstleistungen mit einem neuen technologischen Konzept, das ein neues Verfahren ermöglicht oder ein bestehendes wesentlich verbessert. Silber geht an bestehende Produkte, die technisch so weiterentwickelt wurden, dass ihre Funktion oder das Verfahren deutlich besser wird. Die folgende Auswahl stellt die Preisträger vor, die für Verpackung, Qualitätssicherung und Supply Chain besonders relevant sind.
Gold für aseptische Logistik und Flüssigkeitsanalyse

Wer flüssige Lebensmittel über große Entfernungen transportieren will, musste sie laut Jurybegründung bislang entweder energieintensiv trocknen und später rekonstituieren oder in aseptische Einwegverpackungen füllen. GEA Liquid Technologies Germany und Oriental Tanks aus Singapur setzen dem die GEA Mobile Aseptic Solution entgegen, eine wiederverwendbare Plattform aus fest installierten Befüll- und Entleerstationen und einem mobilen ISO-Tankcontainer mit 20.000 Litern Fassungsvermögen. Der Container ist für den aseptischen, temperaturkontrollierten Transport per Straße, Schiene und Schiff sowie für die temporäre Lagerung ausgelegt. Kern der Entwicklung ist eine patentierte kontinuierliche Drucküberlagerung: Steriles Gas hält während des gesamten Logistikzyklus ein positives Druckgefälle aufrecht und verhindert so eine Rekontamination durch Mikroorganismen. Milch, Milchprodukte und pflanzenbasierte Getränke lassen sich damit als Flüssigware in Großmengen transportieren. Die Jury sieht darin einen Weg, Prozessschritte, Produktverluste und die Abhängigkeit von Einwegverpackungen zu reduzieren. Ein Testlauf mit UHT-Milch zwischen Japan und Singapur habe die Praxistauglichkeit der gesamten Kette von der Befüllung über den Seetransport bis zur Entleerung nachgewiesen.

Ebenfalls Gold geht an ColloidTek aus dem finnischen Tampere. Das Unternehmen setzt bei Reinigungsprozessen und Produktwechseln an, die in Abfüll- und Prozesslinien häufig zeitgesteuert oder auf Basis von Schätzungen und manuellen Proben ablaufen. Collo Liquid Process Intelligence arbeitet mit einem Hochfrequenzsensor, der direkt in die Rohrleitung integriert wird und die elektromagnetischen Eigenschaften der Flüssigkeit analysiert. Signalverarbeitung und maschinelles Lernen erkennen daraus Produktzustände, Phasenübergänge, Konzentrationen und Abweichungen in Echtzeit, unabhängig von Farbe, Trübung oder Viskosität. Die Jurybegründung beziffert den Effekt: Eine bedarfsgerechte Steuerung der CIP-Reinigung senke den Wasserverbrauch um 15 bis 25 Prozent, und durch die präzise Erkennung der Grenzfläche zwischen Produkt und Wasser ließen sich 15 bis 25 Prozent der zuvor verlorenen Produktmengen zurückgewinnen. Das System wird bereits industriell eingesetzt.
Die drei weiteren Goldmedaillen betreffen die Prozesstechnik: GEA Process Engineering und Arla Foods erhalten sie für AddCool, eine in einen industriellen Molkerei-Sprühtrockner integrierte Hochtemperatur-Wärmepumpe, Revo Foods aus Wien für das Extrusionssystem 3D-MassFormer und Eberhardt aus Lichtenau für den TT Bastard 160, der injizierte und vorgemischte Fleisch- und Fischprodukte im kontinuierlichen Inline-Prozess verarbeitet.
Dichtheitsprüfung und Kartonzuführung in der Verpackungslinie

Am unmittelbarsten auf die Verpackung zielt die Silbermedaille für Bizerba. LeakSecure prüft Schutzgasverpackungen (Modified Atmosphere Packaging, MAP) inline und zu 100 Prozent auf Dichtheit. Schon kleinste Leckagen lassen Schutzgas entweichen, beschleunigen den Verderb und führen zu Reklamationen. Das System arbeitet mit einer patentierten Sensorarchitektur aus 16 integrierten CO2-Gasanalysatoren und kann Lecks nach Angaben der Jury nicht nur erkennen, sondern auch lokalisieren, und das unabhängig von Umgebungseinflüssen. Über die digitale Plattform BRAIN2 werden alle Prüfdaten erfasst und ausgewertet, sodass sich wiederkehrende Fehlerbilder identifizieren und Verpackungsmaterialien sowie Siegelprozesse datenbasiert optimieren lassen. In einem einjährigen Industrieeinsatz sank die Leckagerate laut Begründung von vier bis fünf auf 0,52 Prozent. Jährlich seien so bis zu rund 484.000 fehlerhafte Verpackungen vermieden und die manuellen Prüfungen um 55 Minuten pro Tag verringert worden.

Die Cama Group aus Italien wird für ihr ACL-System (Automatic Carton Loading) ausgezeichnet. Es automatisiert eine der letzten weitgehend manuellen Aufgaben in hochautomatisierten Verpackungslinien, das Befüllen der Magazine mit Kartonzuschnitten. Die Tätigkeit ist körperlich belastend und galt als schwer automatisierbar, weil Kartonstapel häufig beschädigt, verzogen oder unterschiedlich beschaffen sind. Cama kombiniert dafür kollaborative Robotik mit 2D- und 3D-Kameras und KI-gestützter Bildverarbeitung, die Palettenmuster, Ausrichtung, Zwischenlagen und Kartonstapel automatisch erkennt. Greifer mit Distanz- und Drehmomentsensoren handhaben unterschiedliche Kartonformate. Zwischenlagen- und Bandentfernung, Kartonöffnung und automatische Formatwechsel lassen sich zusätzlich integrieren. Das System arbeitet im gemeinsamen Arbeitsbereich mit Menschen, kann mit autonomen mobilen Robotern (AMR) vernetzt werden und liefert Betriebsdaten für Monitoring und Analysen.
KI und Mikrowellen für die Qualitätssicherung

Weich- und Hartplastik, Gummi, Holz, Obstkerne oder Aluminiumfolie in pumpfähigen Lebensmitteln sind für Metalldetektoren, Röntgen- und optische Inspektionssysteme schwer zu fassen, weil diese Fremdkörper weder metallisch noch ausreichend dicht sind. Food Radar Systems aus Göteborg erhält Silber für eine mikrowellenbasierte Detektionsplattform, die direkt in der geschlossenen Rohrleitung misst. Die aktuelle Generation kombiniert eine mehrdiagonale Mikrowellendetektion mit der AirZip-Technologie, die Luftblasen entfernt und damit Fehlausschleusungen reduziert. Ein geschwindigkeitsadaptives Ausschleusesystem begrenzt die Ausschussmenge laut Jury auf durchschnittlich etwa 0,5 Kilogramm pro Ereignis.

Polysense aus Gent ersetzt die stichprobenbasierte Qualitätskontrolle durch eine durchgängige Inline-Prüfung. Das Modul Polysense Qualify prüft sämtliche Produkte per Bildverarbeitung auf Größe, Form, Farbe, Textur und Defekte, Polysense AutoControl passt auf dieser Datenbasis die Maschinenparameter automatisch an und korrigiert Abweichungen innerhalb von Sekunden. Die Jurybegründung nennt für industrielle Anwendungen durchschnittlich bis zu fünf Prozent höhere Ausbeute, 40 Prozent weniger Ausschuss und 45 Prozent weniger Qualitätsschwankungen zwischen den Schichten.

Das Brüsseler Unternehmen backbone ai wird für ein KI-gestütztes Compliance-Betriebssystem prämiert. Es führt Daten aus ERP, SharePoint, E-Mail, Labor- und Dokumentenmanagementsystemen in einem einheitlichen Qualitätsdatenmodell zusammen und prüft jede relevante Änderung, etwa an Produktspezifikationen, Lieferanten, Analysenzertifikaten oder Verpackungen, automatisch gegen Standards wie IFS, BRCGS oder FSSC 22000. Der administrative Aufwand im Qualitätsmanagement sinkt laut Begründung um bis zu 70 Prozent.
Messtechnik und Hygienic Design

Zwei Silbermedaillen gehen an Endress+Hauser. Das magnetisch-induktive Durchflussmessgerät Proline Promag H mit der Option 0 x DN Full Bore misst direkt hinter Rohrbögen, Ventilen oder Querschnittsänderungen, ohne gerade Ein- und Auslaufstrecken und ohne Verengung des Rohrquerschnitts. Mehrere Elektroden im Messrohr erfassen das gesamte Strömungsprofil, die Messgenauigkeit liegt laut Jury bei ±0,5 Prozent, die Ausführung ist 3-A-zertifiziert. Der Sensor Liquiphant Multiparameter QMX63 erfasst Dichte, Viskosität, Schallgeschwindigkeit und Temperatur kontinuierlich im Prozess und kommuniziert über Single Pair Ethernet.

SKF erhält die Auszeichnung für die Food line Kugellagereinheiten: vollständig abgedichtete, nachschmierfreie Lager, die nach EHEDG-Richtlinien entwickelt wurden und blaue, optisch detektierbare Komponenten enthalten. Sie sollen Schmierstoffaustritt und das Eindringen von Verunreinigungen verhindern.
Die übrigen Silbermedaillen gehen an Pantarein Water gemeinsam mit Mars für eine Wasseraufbereitungsanlage im belgischen Mechelen, an GEA Mechanical Equipment Italia für den Ariete Homogenizer 2.0, an Günther Maschinenbau für ein kontinuierliches Injektionssystem, an Handtmann für das Formsystem FS 511, an Vito für das Ölmanagementsystem VITO VL, an die PolySto Group für CleanRock-Sockelsysteme, an Elea Technology für die Inline-Analyse PiCon und an Miveg für ein automatisiertes Spießsystem. Die DLG vergibt den Preis in Kooperation mit der Anuga FoodTec der Koelnmesse und mehreren Fachmedien. Die Begründungen der Jury zu allen 21 Preisträgern sind unter http://www.foodtecaward.com abrufbar.






