Sonja Bähr | It’s the economy, stupid!

Wer bestimmt eigentlich, wie die vielen offenen Vorgaben der PPWR ausgelegt werden? Verpackungsexpertin Sonja Bähr überträgt in ihrer Kolumne eine berühmte Wahlkampf-Formel auf die EU-Verpackungsverordnung – und warnt davor, Lautstärke mit Fachwissen zu verwechseln.

EINBLICKE IN DIE VERPACKUNG

It’s the economy, stupid!

Dieser Slogan, diese so einfache wie immerzu anwendbare Formel, stammt ursprünglich aus dem US-Präsidentschaftswahlkampf 1992 und verhalf damals Bill Clinton zum Wahlsieg. Es war James Carville, Clintons Wahlkampfstratege, der eine Liste mit drei Fokusthemen an die Wand des Wahlkampfhauptquartiers hängte: Change vs. more of the same, It’s the economy, stupid!, und Don’t forget health care.

Das Wort „stupid“ hat keine wirklich gute deutsche Entsprechung. Es war auch nicht als Herabwürdigung gemeint, sondern vielmehr als Aufforderung: „Bleib fokussiert!“ Ein Signal an das Team, sich nicht in Nebenthemen zu verlieren und die Wirtschaft als den entscheidenden Faktor im Blick zu behalten. Alle drei Sätze sind, in leichter Abwandlung, auf viele Themen anwendbar. Natürlich auch auf die PPWR.

Veränderung, die auch funktionieren muss

„Change vs. more of the same“ – Veränderung statt immer weiter wie bisher. Positiv übertragen bedeutet das: weg von der linearen Wirtschaft, hin zu einer zirkulären Industrie. Kreisläufe schließen, Ressourcen mehrfach nutzen, Verpackungen reduzieren und Materialien so gestalten, dass sie tatsächlich wiederverwertet werden können. Veränderung ist also notwendig. Aber Veränderung allein ist noch kein Wert. Sie muss auch funktionieren. Und damit wären wir beim zweiten Satz: „It’s the economy, stupid!“

Denn so idealistisch die Ziele einer Regulierung auch formuliert sein mögen: Am Ende müssen sie von Unternehmen umgesetzt werden. Von Menschen, Maschinen und Prozessen. Mit Materialien, die verfügbar sind. Mit Technologien, die funktionieren. Und zu Kosten, die Produkte nicht unverkäuflich und Unternehmen nicht handlungsunfähig machen.

Wenn Lautstärke Fachwissen verdrängt

Dabei stellt sich zunehmend die Frage, wer eigentlich bestimmt, wie die vielen noch offenen Vorgaben der PPWR konkret ausgelegt werden. Wer wird gehört, wenn die offenen Detailregelungen, technischen Kriterien, Leitlinien, Normen und FAQs zur PPWR entstehen? Und wessen Perspektive setzt sich am Ende durch?

Wer seine Interessen frühzeitig, professionell und vor allem laut genug in Brüssel vertritt, hat offenbar bessere Chancen, Einfluss auf die Ausgestaltung zu nehmen. Das ist grundsätzlich legitim. Interessenvertretung gehört zu einem demokratischen Gesetzgebungsprozess. Problematisch wird es, wenn Lautstärke mit Fachwissen verwechselt wird. Denn nicht jede politisch gut vermittelbare Lösung ist auch praktisch umsetzbar. Und nicht jede vermeintlich einfache Vorgabe bleibt einfach, sobald sie auf eine reale Verpackung, eine Abfüllanlage, eine Lieferkette oder ein Sortiment mit mehreren Tausend Artikeln trifft.

Vielleicht müsste der zweite Leitsatz deshalb für die PPWR noch etwas ergänzt werden: „It’s the economy – and the expertise, stupid!“

Wirtschaftliche Interessen dürfen nicht allein entscheidend sein. Fachwissen und praktische Erfahrung aber ebenso wenig fehlen. Es braucht Menschen in den Prozessen, die wissen, wie Verpackungen entwickelt, produziert, bedruckt, befüllt, transportiert, genutzt, gesammelt, sortiert und recycelt werden. Und zwar nicht nur unter idealen Laborbedingungen, sondern im industriellen und gelebten Alltag.

Don’t forget the people

Bleibt der dritte Satz: „Don’t forget health care.“ Gesundheitsversorgung passt auf den ersten Blick nur bedingt zur EU-Verpackungsverordnung. Vielleicht sollte es deshalb heißen: „Don’t forget the people.“ Vergesst nicht die Menschen!

Die Menschen in den Unternehmen, die die Vorgaben verstehen und umsetzen müssen. Die Verantwortlichen in Einkauf, Entwicklung, Nachhaltigkeit, Qualitätssicherung, Produktion, Vertrieb und Geschäftsführung, die derzeit versuchen, aus offenen Rechtsbegriffen, fehlenden Normen, angekündigten Rechtsakten und immer neuen Auslegungshinweisen eine belastbare Unternehmensstrategie zu bauen.

Aber auch die Verbraucherinnen und Verbraucher, denen erklärt werden soll, warum Verpackungen künftig anders aussehen, warum bestimmte Produkte teurer werden oder weshalb eine ökologisch scheinbar naheliegende Lösung technisch doch nicht funktioniert.

Vergesst nicht, die Menschen mitzunehmen.

Wer europäische Umweltpolitik erfolgreich machen will, muss deshalb nicht nur Grenzwerte, Quoten und Fristen festlegen. Er muss auch dafür sorgen, dass die Regeln verständlich, umsetzbar und in ihren Folgen nachvollziehbar sind.

Change, yes. It’s the economy – and the expertise. And please: Don’t forget the people, stupid.


Sonja Bähr, Director Business Development bei Berndt+Partner Creality. (Foto: Berndt+Partner Creality GmbH)

Sonja Bähr ist eine der profiliertesten Stimmen der Verpackungsbranche.

Die studierte Verpackungstechnikerin und langjährige Strategieberaterin bringt technische Expertise und klare Haltung zusammen – sie denkt Verpackung ganzheitlich, aus Sicht von Markt, Marke, Material und Mensch.

In ihrer Kolumne „Aufgemacht – Einblicke in Verpackung“ schaut sie für packaging journal hinter die Schlagzeilen und Normtexte – und auf das, was Verpackung in der Praxis leisten soll: schützen, verkaufen, vereinfachen, begeistern. Mal meinungsstark, mal augenzwinkernd – aber immer fachlich fundiert.

🎯 Regelmäßig ein neuer Impuls für die Diskussion rund um Nachhaltigkeit, Regulatorik, Innovation und Realität in der Welt der Verpackung.

http://www.bpc.works

packaging journal 4/2026

Dieser Artikel ist im packaging journal 4/2026 (September) erschienen.