Thomas Reiner, CEO von Berndt + Partner und Vorsitzender des Deutschen Verpackungsinstituts, zieht auf der interpack 2026 eine ernüchternde Bilanz der aktuellen Marktlage. Während die Branche normalerweise nach vorne blickt, dominieren derzeit Rückblicke in die Supply Chain die Gespräche.
Kunststoffpreise und Verfügbarkeit als akute Herausforderungen
„Kunststoffpreise sind in kürzester Zeit explodiert, haben wir so noch nicht erlebt. Durch die Kriegssituation in 4 Wochen verdoppelt bei vielen Kunststoffen“, berichtet Reiner. Diese drastische Kostenentwicklung zwingt Unternehmen dazu, ihre klassischen Beschaffungsstrategien zu überdenken. Gleichzeitig entstehen erste Verfügbarkeitsprobleme bei Spezialitäten.
Auffällig ist parallel dazu der Rückgang der Nachhaltigkeitsthemen auf der Messe im Vergleich zu 2023. Reiner erklärt dies mit der aktuellen Kurzatmigkeit: „Die Volatilität, die wir draußen haben – alle sind auf dem kurzfristigen Horizont und das ist ja per se das Gegenteil von Nachhaltigkeit.“ Mengenprobleme in der Konsumgüterindustrie und knapper werdendes Geld bei den Verbrauchern verstärken diese Tendenz.
Beim Recycling bereits zu spät
Besonders kritisch sieht der Experte die Situation beim Kunststoffrecycling: „Wenn wir 10, 12 Millionen Tonnen recyceltes Kunststoff, PCR, brauchen, hatten wir nur eine Kapazität für grob die Hälfte und in den letzten 2 Jahren haben wir 1 Million Tonnen Kapazität verloren.“ Seine klare Einschätzung: „Wir sind kollektiv zu spät.“
Trotz dieser Herausforderungen lehnt Reiner eine Verschiebung der PPWR-Regulierung ab. „Wir müssen den Druck aushalten und jetzt wieder ausbuxen“, fordert er. Als Hoffnungsträger sieht er den Handel, der durch seine Marktmacht konsolidiert Druckpunkte setzen könne – und so Bewegung in die Wertschöpfungskette bringe, wo regulatorischer Druck allein an Grenzen stößt.
KI als Effizienz- und Transparenztreiber
Optimistischer zeigt sich Reiner beim Thema künstliche Intelligenz. KI könne sowohl die Effizienz in der Fertigung steigern als auch Komplexität reduzieren und Transparenz schaffen. „Wir brauchen mehr datengetriebene sachliche Entscheidungen für alles, was wir tun“, so seine Überzeugung.
Der Blick auf die interpack 2032 zeigt einen realistischen Optimismus: Deutliche Fortschritte in den Nachhaltigkeitsthemen werden erwartet, auch wenn nicht alle Ziele erreicht werden. Die Industrie werde Gas geben, „wenn es so sein muss“ – getrieben vom wachsenden regulatorischen Druck und der Erkenntnis, dass kurzfristige Krisenbewältigung und langfristige Kreislauflogik sich nicht länger gegenseitig ausschließen dürfen.

