Die Kunststoffverpackungsbranche erlebt einen beispiellosen Rohstoffpreisschock. Dr. Martin Engelmann, Hauptgeschäftsführer der IK Industrievereinigung Kunststoffverpackung, warnt auf der interpack 2026 vor den dramatischen Auswirkungen der aktuellen Marktverwerfungen.
Historischer Preisanstieg binnen Wochen
Seit der Sperrung der Straße von Namur im März sind die Polymerpreise weltweit explodiert. „Wir haben in der gesamten kunststoffverarbeitenden Industrie noch nie so einen Preisschock gesehen“, erklärt Engelmann. Eine aktuelle Umfrage unter IK-Mitgliedern zeigt das Ausmaß: „Die Rohstoffpreise sind im April im Vergleich zum Februar um 60 Prozent angestiegen. 60 Prozent Rohstoffkostenanstieg innerhalb von 4 Wochen, das ist einfach ein Hammer.“
Besonders problematisch ist die Kurzfristigkeit der Entwicklung. Während Preisanpassungsklauseln erst nach drei Monaten greifen, müssen Unternehmen sofort mit den gestiegenen Kosten umgehen. Engelmann rechnet damit, dass die Verwerfungen „mindestens bis zum Jahresende“ anhalten werden – eine Belastung, die gerade mittelständische Verpackungshersteller hart trifft.
Recycling-Rekord trotz Marketing-Trends
Trotz der Krise gibt es auch erfreuliche Nachrichten: Mit 71 Prozent recycelter Kunststoffverpackungen erreicht Deutschland einen neuen Rekord. „Wir sind weiterhin in der Spitzengruppe“, betont Engelmann. Dieser Erfolg sei sowohl den Herstellern zu verdanken, die recyclingfähigere Verpackungen produzieren, als auch den dualen Systemen, die in Sortier- und Recyclinganlagen investiert haben.
Scharf kritisiert Engelmann hingegen den Marketing-getriebenen Trend zu Papier-Kunststoff-Verbunden: „Marketingabteilungen denken: Plastik ist böse, deswegen machen wir jetzt Papier. Dann sagt aber der Qualitätsmanager, ich brauche Kunststoff als Barrierebeschichtung. Dann kommt halt irgendso ein Mix bei raus. Das ist nicht gut.“ Die IK fordert daher eine Ökomodulierung der Lizenzentgelte nach dem Vorbild anderer EU-Länder.
Pragmatische PPWR-Umsetzung gefordert
Zur EU-Verpackungsverordnung (PPWR) zeigt sich Engelmann vorsichtig optimistisch. Nach einer schwierigen „ersten Halbzeit“ im Gesetzgebungsverfahren sieht er positive Entwicklungen: „Wir wollen es pragmatisch handhabbar machen.“ Die Branche müsse die Verordnung umsetzen, um einen nationalen Flickenteppich zu vermeiden.
Damit steht die Kunststoffverpackungsbranche vor enormen Herausforderungen. Während Rohstoffengpässe kurzfristig bewältigt werden müssen, zeigen Recycling-Erfolge den Weg in eine nachhaltige Zukunft – vorausgesetzt, regulatorische Klarheit und faktenbasierte Materialentscheidungen lösen kurzfristige Marketing-Reflexe ab.

