Marktdurchbruch Indien: Wie der neue EU-Deal die Branche verändert

Das EU-Indien-Handelsabkommen ist besiegelt. Für den deutschen Verpackungsmaschinenbau öffnen sich riesige Marktchancen. Doch wie sieht das Kleingedruckte aus? Wir analysieren Zollvorteile, neue Hürden und den Konkurrenzkampf.
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Es ist vollbracht. Nach fast zwei Jahrzehnten zäher Verhandlungen haben die EU und Indien im Januar 2026 das oft als „Mutter aller Deals“ bezeichnete Freihandelsabkommen unterzeichnet. Für den deutschen Verpackungsmaschinenbau öffnen sich damit die Tore zu einem der dynamischsten Märkte der Welt weiteraus als je zuvor. Wo fallen die Zölle wirklich, welche bürokratischen Hürden ersetzen die tarifären Barrieren und wie positioniert sich „Made in Germany“ nun gegen die chinesische Konkurrenz? Eine umfassende Analyse für die Branche.

Als EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und der indische Premierminister Narendra Modi am Dienstag (26.Januar) in Neu-Delhi ihre Unterschriften unter das Papier setzten, war das mehr als nur ein diplomatischer Akt. Es war, wie Modi es formulierte, die Geburt einer Freihandelszone von zwei Milliarden Menschen. In einer Zeit, in der protektionistische Töne aus den USA unter einer erneuten Trump-Administration die Weltwirtschaft verunsichern und Chinas aggressive Exportpolitik die Märkte flutet, sendet dieser Deal ein gewaltiges Signal: Diversifizierung ist das Gebot der Stunde.

Doch was bedeutet die politische Großwetterlage konkret für einen mittelständischen Hersteller von Abfüllanlagen aus Baden-Württemberg oder einen Spezialisten für Blisterverpackungen aus NRW? Die Antwort lautet: Enorme Chancen, gepaart mit neuen Hausaufgaben. Denn Indien ist längst nicht mehr nur ein „Markt der Zukunft“. Mit einem prognostizierten Marktvolumen der Verpackungsindustrie von über 200 Milliarden US-Dollar ist der Subkontinent die Gegenwart.

Der Zoll-Hammer: Ende der 44-Prozent-Hürde

Für den Maschinenbau ist das Herzstück des Abkommens der Abbau der Zölle. Bislang war der Export nach Indien oft ein Rechenexempel mit vielen Unbekannten. Die Zölle auf Maschinen und Anlagen variierten stark, lagen aber oft im Bereich zwischen 7,5 und 15 Prozent. Addierte man diverse Abgaben und die „Social Welfare Surcharge“ hinzu, sahen sich Exporteur nicht selten effektiven Belastungen von deutlich über 20 Prozent, in Spitzenfällen laut EU-Datenblättern sogar bis zu 44 Prozent gegenüber.

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Das neue Abkommen rasiert diese Spitzen radikal. Laut den veröffentlichten Eckpunkten werden Zölle auf mehr als 96 Prozent der gehandelten Waren eliminiert. Für den Maschinenbau bedeutet das:

  • Sofortige Nullstellung: Für viele kritische Komponenten und High-Tech-Anlagen, die Indien für seine eigene Industrialisierung („Make in India“) dringend benötigt, fallen die Zölle mit Inkrafttreten des Abkommens.
  • Übergangsfristen: Für sensiblere Bereiche, in denen Indien eine eigene Produktion aufbaut, sind Übergangsfristen von 5 bis 10 Jahren vorgesehen.

Für deutsche Hersteller ist das ein direkter Margen-Boost.

„Bisher mussten wir technologisch so weit überlegen sein, dass wir den Preisnachteil von 15 bis 20 Prozent gegenüber lokalen oder chinesischen Anbietern rechtfertigen konntenWenn dieser Preisaufschlag wegfällt, spielen wir plötzlich in einer ganz anderen Liga.“

Vertriebsleiter eines süddeutschen Verpackungsmaschinenherstellers

Der Markt: Warum Indien jetzt Verpackungstechnologie braucht

Um die Tragweite des Deals zu verstehen, muss man die Situation vor Ort betrachten. Indien durchläuft eine Transformation, die den Bedarf an Processing and Packaging massiv treibt. Drei Hauptfaktoren sind hier entscheidend:

1. Der Kampf gegen die Verschwendung (Food Processing)

Indien ist einer der größten Agrarproduzenten der Welt, verliert aber immer noch einen signifikanten Teil seiner Ernte durch mangelnde Verarbeitung und schlechte Verpackung. Die indische Regierung forciert den Ausbau der Lebensmittelverarbeitung („Mega Food Parks“). Hier kommt deutsche Technologie ins Spiel: Aseptische Abfüllung, MAP-Verpackungen (Modified Atmosphere Packaging) und Sortieranlagen sind gefragt, um die Haltbarkeit von Milchprodukten, Früchten und Gemüse zu verlängern.

2. Die Apotheke der Welt (Pharma)

Indien ist der weltweit größte Anbieter von Generika. Doch die Anforderungen steigen. Westliche Märkte verlangen höchste Standards bei Serialisierung, Track & Trace und Fälschungssicherheit. Der indische Pharmasektor wächst zweistellig (CAGR von über 10 %). Um exportfähig zu bleiben, rüsten indische Pharma-Riesen ihre Linien mit High-End-Verpackungsmaschinen auf – traditionell eine Domäne deutscher Anbieter wie Uhlmann, Romaco oder Optima. Das Freihandelsabkommen erleichtert nun den Import dieser komplexen Linien erheblich.

3. Die organisierte Retail-Revolution

Der Wandel vom traditionellen „Kirana Store“ (Tante-Emma-Laden) hin zu Supermärkten und dem boomenden E-Commerce (Quick Commerce ist in indischen Metropolen riesig) verlangt nach standardisierten, robusten und stapelbaren Verpackungen. Der Bedarf an Sekundär- und Endverpackungsmaschinen – Kartonierer, Palettierer, Wrapper – steigt exponentiell.


Reaktionen: „Game Changer“ mit Fußnoten

Die offizielle Begeisterung ist groß. Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) spricht von einem „echten Game-Changer“. Auch der VDMA, der seit über 20 Jahren mit eigenen Büros in Indien vertreten ist, sieht eine langjährige Forderung erfüllt. Karl Haeusgen, VDMA-Präsident, betonte bereits im Vorfeld der Einigung die „dynamische Entwicklung“ und das Rekordniveau der Exporte, das bereits 2024/2025 zu beobachten war.

Doch ein Blick in die Wirtschaftspresse, etwa auf n-tv oder Analysen des Handelsblatts, zeigt auch Skepsis. Das Wort vom „Märchen von der Mutter aller Abkommen“ macht die Runde. Warum? Weil Freihandel im Jahr 2026 nicht mehr das ist, was er in den 90ern war. Es geht nicht mehr nur um Zölle.

Das Problem der nicht-tarifären Handelshemmnisse (NTBs)

Während die Zölle sinken, baut Indien an anderer Stelle Hürden auf. Ein Beispiel, das dem Maschinenbau Kopfzerbrechen bereitet, sind die „Quality Control Orders“ (QCO). Das indische Ministerium für Schwerindustrie verlangt zunehmend BIS-Zertifizierungen (Bureau of Indian Standards) für importierte Komponenten – von Stahlprodukten bis hin zu elektrischen Motoren.

Experten warnen: Wenn der Zoll fällt, aber jede importierte Schraube und jedes Förderband eine indische Zertifizierung braucht, die Monate dauert und Tausende Euro kostet, ist der Vorteil dahin. Hier muss das Abkommen in den technischen Anhängen beweisen, dass es auch eine gegenseitige Anerkennung von Konformitätsbewertungen (z.B. CE-Kennzeichnung) zumindest teilweise ermöglicht. Die ersten Analysen des Vertragstextes deuten auf Dialogformate hin, aber nicht auf eine automatische Anerkennung aller EU-Standards.

Nachhaltigkeit als neuer Reibungspunkt?

Ein weiterer Aspekt, der für die Verpackungsindustrie relevant ist, ist das Kapitel zur Nachhaltigkeit. Die EU drängt auf grüne Standards (Green Deal, CBAM). Indien hat eigene, teils sehr strikte Plastikverbote („Single Use Plastic Ban“) erlassen, deren Umsetzung jedoch oft erratisch verläuft.

Für Maschinenbauer ist das eine Chance: Anlagen, die Monomaterialien verarbeiten können, die dünnere Folien fahren oder faserbasierte Verpackungen händeln, sind in Indien heiß begehrt. Die großen indischen FMCG-Konzerne (wie ITC, Tata Consumer Products) stehen unter Druck, ihre Plastikbilanz zu verbessern. Deutsche Technologie, die Materialeinsparungen ermöglicht, wird durch das FTA nun preislich attraktiver und trifft auf einen Markt, der durch Regulierung zu mehr Nachhaltigkeit gezwungen wird.

Die China-Komponente: „China Plus One“ wird real

Man kann dieses Abkommen nicht ohne den Blick auf China verstehen. Viele indische Unternehmen suchen aktiv nach Alternativen zu chinesischen Maschinen, teils aus politischem Druck, teils aus Qualitätsgründen. Das FTA gibt den Europäern hier die nötige Munition.

„Wir sehen in Indien eine massive ‚China Plus One‘-Strategie bei unseren Kunden. Früher kauften sie die High-End-Linie bei uns und die Standard-Linie in China. Jetzt, wo die Zölle fallen, rechnen sie neu. Wenn der Preisunterschied schmilzt, gewinnt die deutsche Langlebigkeit (Total Cost of Ownership).“

Area Sales Manager eines Verpackungsmaschinenherstellers

Besuch von Ursula von der Leyen, Präsidentin der Europäischen Kommission, in Indien (Foto: EU-Kommission)

Was jetzt zu tun ist: Checkliste für Exportleiter

Für die Unternehmen der Verpackungsindustrie ergeben sich aus dem Deal konkrete Handlungsfelder:

  1. HS-Codes prüfen: Sobald die finalen Zoll-Listen veröffentlicht sind, müssen Exportabteilungen prüfen, unter welche Kategorie ihre Maschinen fallen (HS 8422 und folgende) und ob die Zollbefreiung sofort oder gestaffelt greift.
  2. Ursprungsregeln (Rules of Origin): Das Abkommen wird strenge Ursprungsregeln haben. Nur Maschinen, die zu einem signifikanten Teil in der EU gefertigt wurden, profitieren. Wer zu viele Komponenten aus China verbaut und in Deutschland nur montiert, könnte leer ausgehen. Die Dokumentation der Lieferkette wird entscheidend.
  3. Service-Präsenz ausbauen: Mehr Maschinen im Markt bedeuten mehr Service-Bedarf. Indische Kunden erwarten schnellen Support. Das FTA erleichtert auch den Dienstleistungshandel und die Entsendung von Technikern, was den Aufbau lokaler Service-Hubs vereinfacht.
  4. Blick auf die Standards: Die indischen BIS-Normen müssen proaktiv überwacht werden. Verlassen Sie sich nicht darauf, dass die CE-Norm ausreicht.

Fazit: Ein Marathon, kein Sprint

Das Abkommen zwischen der EU und Indien ist ein Meilenstein, aber kein Zauberstab. Es beseitigt den gröbsten Kostenblock – die Zölle – und schafft politische Sicherheit in einer unsicheren Welt. Für den deutschen Verpackungsmaschinenbau, der technologisch weltweit führend ist, ist Indien der logische Wachstumsmarkt, um Schwächen in anderen Regionen (Stagnation in Europa, Unsicherheit in China/USA) auszugleichen.

Die indische Verpackungsindustrie wächst rasant, der Hunger nach Automatisierung ist groß, und das Label „Made in Germany“ genießt hohes Ansehen. Wenn es den Unternehmen gelingt, die verbleibenden bürokratischen Hürden zu meistern und preissensible, aber qualitativ hochwertige Lösungen („Good enough quality“ vs. „Over-Engineering“) anzubieten, könnte 2026 tatsächlich als das Jahr in die Geschichte eingehen, in dem der schlafende Riese Indien für den deutschen Mittelstand hellwach wurde.

Der Deal ist unterzeichnet. Die Arbeit beginnt jetzt.