Sonja Bähr | Wenn Wissenschaft kein Wissen schafft

In ihrer neuen Kolumne hinterfragt Verpackungsexpertin Sonja Bähr die wissenschaftliche Grundlage geplanter PPWR-Kennzeichnungen. Sie zeigt, warum farbige Labels enorme Ressourcen verbrauchen könnten – ohne belegbaren Zusatznutzen für die Mülltrennung.
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EINBLICKE IN DIE VERPACKUNG

Wenn Wissenschaft kein Wissen schafft

Die PPWR steht vor der Tür und der Handlungsdruck steigt enorm. Unternehmen entlang der gesamten Verpackungswertschöpfungskette arbeiten mit Hochdruck daran, regulatorische Anforderungen umzusetzen und Prozesse anzupassen. Während operativ vieles in Bewegung ist, lohnt sich ein kritischer Blick auf die Grundlage mancher Entscheidungen. Denn nicht alles, was derzeit als „wissenschaftlich fundiert“ gilt, hält dieser Bezeichnung stand.

Besonders deutlich wird das bei der bisherigen Umsetzung von Artikel 12. Die Kennzeichnung für die Abfalltrennung soll Orientierung schaffen und die Sortierleistung verbessern. Als Grundlage dient ein umfangreicher Bericht des Joint Research Centre (JRC), das der Europäischen Kommission Empfehlungen zur Ausgestaltung liefert. Eine zentrale Schlussfolgerung daraus: Farbige Labels funktionieren besonders gut.

Das Problem ist: Diese Schlussfolgerung ist so nicht gedeckt.

Ja, die Studie zeigt, dass Labels grundsätzlich helfen. Nein, sie belegt nicht, dass farbige Piktogramme Schwarz-Weiß-Piktogrammen überlegen sind. Ebenso wenig zeigt sie, dass zusätzlicher Text erforderlich ist. Vor allem aber fehlt ein direkter Vergleich aller Varianten. Das ist keine Petitesse, sondern ein methodisches Kernproblem – vor allem, wenn aus dieser Datenlage eine klare Empfehlung abgeleitet wird, und zwar mit enormen Konsequenzen.

Denn wir befinden uns nicht in einer akademischen Diskussion, sondern in einem realen Wirtschaftsmarkt. Wenn aus nicht evidenzbasierten Studienergebnissen konkrete Designvorgaben abgeleitet werden, hat das direkte Auswirkungen – ökonomisch wie ökologisch.

Zum Beispiel der Tintenverbrauch: Während monochrome Labels etwa 25 bis 30 Prozent ihrer Fläche mit Tinte bedecken, liegt dieser Anteil bei farbigen Labels bei 85 bis 90 Prozent. Das ist kein minimaler Unterschied, sondern ein massiver Sprung im Ressourcenbedarf. Selbst konservativ gerechnet ergibt sich mehr als eine Verdopplung des Verbrauchs. Hochgerechnet bedeutet dies – je nach Größe des Piktogramms – zusätzliche Tintenmengen in Höhe von zwei- bis dreistelligen Millionen Litern, Jahr für Jahr.

Noch deutlicher wird die Dimension beim Blick auf die Mengen: Auch wieder sehr konservativ geschätzt – drei entsorgte Verpackungen pro Tag und Person – ergeben für die EU rund 493 Milliarden Verpackungseinheiten jährlich. Durchschnittlich eineinhalb Label pro Verpackung entsprechen etwa 740 Milliarden gedruckten Piktogrammen pro Jahr. Jede Designentscheidung wird damit milliardenfach reproduziert.

PPWR-Umsetzung: Sonja Bähr, b+p creality | interpack 2026
Sonja Bähr · b+p creality | interpack 2026 · experten
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Vor diesem Hintergrund stellt sich eine zentrale Frage: Wie belastbar muss eine wissenschaftliche Grundlage sein, wenn sie derart weitreichende Konsequenzen hat? Die Antwort liegt auf der Hand: sehr belastbar. Aber daran fehlt es hier. Statt klarer Evidenz sehen wir Annahmen, statt valider Vergleiche Interpretationen. Und so entstehen Empfehlungen, die erhebliche Kosten verursachen und potenziell zusätzliche Umweltbelastungen erzeugen – und das ausgerechnet im Namen der Nachhaltigkeit.

Dabei wird eine wesentliche Erkenntnis übersehen: Nicht Farbe scheint der entscheidende Faktor zu sein, sondern Verständlichkeit. Menschen sortieren besser, wenn sie das System verstehen, wenn sie Sicherheit haben und nicht rätseln müssen. Das erreicht man durch klare Logik, Konsistenz und Wiedererkennbarkeit – nicht zwangsläufig durch mehr Farbe. Im Gegenteil: Eine Überfrachtung mit Gestaltungselementen kann neue Unsicherheit schaffen.

Die PPWR baut erneut kaum zu überwindende Hürden auf. Es müssen erhebliche Ressourcen mobilisiert werden, um neue Kennzeichnungssysteme umzusetzen, der Material- und Energieeinsatz steigt deutlich, genauso wie die Kosten. Das ist kein Plädoyer gegen Regulierung und auch keines gegen Kennzeichnung. Es ist jedoch ein klares Plädoyer für Evidenz vor Aktionismus. Denn wenn „Wissenschaft“ zur Legitimation von Maßnahmen dient, sollte sie auch tatsächlich Wissen schaffen und nicht nur plausible Annahmen liefern. Und wenn wir beginnen, Hunderte Milliarden Verpackungen neu zu kennzeichnen, sollte zumindest sichergestellt sein, dass das beabsichtigte Ziel auch erreicht wird. Alles andere wäre schlicht ineffizient.


Sonja Bähr, Director Business Development bei Berndt+Partner Creality. (Foto: Berndt+Partner Creality GmbH)

Sonja Bähr ist eine der profiliertesten Stimmen der Verpackungsbranche.

Die studierte Verpackungstechnikerin und langjährige Strategieberaterin bringt technische Expertise und klare Haltung zusammen – sie denkt Verpackung ganzheitlich, aus Sicht von Markt, Marke, Material und Mensch.

In ihrer Kolumne „Aufgemacht – Einblicke in Verpackung“ schaut sie für packaging journal hinter die Schlagzeilen und Normtexte – und auf das, was Verpackung in der Praxis leisten soll: schützen, verkaufen, vereinfachen, begeistern. Mal meinungsstark, mal augenzwinkernd – aber immer fachlich fundiert.

🎯 Regelmäßig ein neuer Impuls für die Diskussion rund um Nachhaltigkeit, Regulatorik, Innovation und Realität in der Welt der Verpackung.

http://www.bpc.works

packaging journal 2/2026

Dieser Artikel ist im packaging journal 2/2026 (April/Mai) erschienen.