Faserbasierte Verpackungen: Weg zur industriellen Skalierung

Faserbasierte Verpackungen stehen an einem technologischen Wendepunkt. Wie entsteht die Serienfähigkeit?
Auch Produkte wie Joghurt, die eine hohe Barriere erfordern, können mit faserbasiertem Material verpackt werden (Bilder: Optima)

Faserbasierte Verpackungen stehen an einem technologischen Wendepunkt. Lange wurden sie primär als nachhaltige Alternative zu Kunststoff diskutiert. Heute stehen technische Kriterien wie reproduzierbare Formgebung, definierte funktionale Eigenschaften, stabiler Produktschutz sowie die sichere Integration in bestehende Verpackungs- und Abfüllprozesse im Vordergrund. Damit verschiebt sich die zentrale Fragestellung der Branche von „Ist es machbar?“ zu „Ist es industriell skalierbar und bei welchen Spezifikationen?“.

Papier und Karton sind als Verpackungsmaterialien seit Jahrzehnten etabliert. Neu ist jedoch der Anspruch, mit faserbasierten Materialien Funktionsniveaus zu erreichen, die bislang überwiegend Kunststoffverpackungen vorbehalten waren, insbesondere bei Barrieren gegen Wasserdampf, Sauerstoff und Fett, bei Maßhaltigkeit, bei Formatflexibilität sowie bei Zykluszeiten in der industriellen Produktion. Dieser Anspruch setzt voraus, dass Material, Prozess und Qualität als Einheit betrachtet werden.

Wie entsteht die Serienfähigkeit?

Moderne faserbasierte Verpackungen werden überwiegend aus Zellstofffasern, genauer Frischfasern und Recyclingfasern, oder aber auch auf der Basis alternativer Faserquellen wie Bagasse, Gras oder anderer pflanzlicher Rohstoffe hergestellt. Für die industrielle Tauglichkeit ist weniger die Herkunft der Faser entscheidend als ihre Eigenschaften im Prozess: Faserlängenverteilung, Feinanteile, Feuchtegehalt, Additivierung und Bindeeigenschaften beeinflussen unmittelbar Formbarkeit, Festigkeit der Oberflächenqualität und weitere Eigenschaften.

Neue Herstellverfahren wie Dry Molded Fiber oder weiterentwickelte Paper-Forming-Technologien erlauben es, Faserstoffe präzise zu formen, tiefzuziehen und mit hoher Präzision herzustellen. Gegenüber klassischen Nassformprozessen ergeben sich Vorteile bei den Produkt- und Herstellkosten, der Qualität der Oberflächen, den Dekorationsmöglichkeiten und dem CO₂-Ausstoß.

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Neben Materialbasis und Formgebung ist die Beherrschung des Prozessfensters unabdingbar für die Serienfähigkeit. Typische Stellgrößen dabei sind:

  • Faseraufbereitung und Additivierung (Erhalt der Faserlänge und genaues Lösen der einzelnen Fasern aus dem Verbund)
  • Faserverteilung/Lay-down (homogene Faserverteilung und somit konstantes Flächengewicht)
  • Pressen der Fasern (Verdichtung der Fasern und Bilden der Wasserstoffbrücken)
  • Werkzeugauslegung (langlebige Werkzeuge, Möglichkeit für Hinterschnitte)
  • Laminierung (Erzeugung einer Hochbarriere, konstante Folienstärke, Möglichkeit für sehr dünne Folien)

Gerade im industriellen Betrieb reicht es nicht aus, im Labor gute Muster zu produzieren, sondern die Fähigkeit zu besitzen, über lange Laufzeiten bei definierten Spezifikationen zu produzieren – inklusive Werkzeugstandzeiten, Wartungsfenstern und geringsten Ausschussquoten.

Barrieren: Differenzierung nach Anwendung

Barriereeigenschaften sind der Schlüssel, um faserbasierte Verpackungen über klassische Anwendungen hinaus zu skalieren. Je nach Produkt müssen Verpackungen schützen vor Wasserdampf (gemessen als WVTR (Water Vapor Transmission Rate – besonders relevant für Pulver, Instantprodukte, Snacks, empfindliche Trockenwaren) und/oder vor Sauerstoff, gemessen als OTR (Oxygen Transmission Rate – relevant für Aromaschutz, Oxidationsschutz, z. B. für Kaffee und bestimmte Ready Meals). Außerdem kann ein Schutz vor Fett/Öl (gemessen mit einem KIT-Test – zentral für Food Service, fetthaltige Lebensmittel, Ready Meals) oder Flüssigkeiten und Feuchte (gemessen als Cobb-Wert – bei feuchten und flüssigen Produkten wie Suppen, Dairy, Ready Meals) erforderlich sein.

Technisch entscheidend ist die klare Differenzierung nach Anforderungsniveau (Low-/Mid-/High-Barrier). In vielen Fällen ist nicht die maximale Barriere erforderlich, sondern ein belastbares, anwendungsoptimiertes Niveau.

Heutzutage sind Barrieren vom Low bis zum High Segment für die meisten Produkte verfügbar – selbstverständlich PPWR-konform und für die internationale Gesetzgebung geeignet. Das heißt, auch High-Barrier-Lösungen können recyclingfähig gestaltet werden. Dabei sind drei technische Aspekte oft entscheidender als das reine Barrierematerial: Oberflächen- und Substratqualität, Applikationsprozess und Schichtgleichmäßigkeit sowie Verbundhaftung und Langzeitstabilität.

Prozessintegration in Abfüll- und Verpackungslinien

Ein unterschätztes Nadelöhr und ein wesentlicher Erfolgsfaktor ist die Integration in bestehende Prozessketten. Brand Owner und Co-Packer benötigen Verpackungen, die sich in bestehenden Linien verarbeiten lassen: Zuführung, Vereinzelung, Befüllung, Siegelung, Etikettierung, Sekundär- und Tertiärverpackung. Typische Integrationsfragen sind:

  • Handling und Vereinzelung: Reibwerte, Kantenstabilität, Staub, Verformungsneigung
  • Befüllung: Partikelabrieb, Trichtergeometrien, Produktkontaktflächen
  • Siegelung/Verschluss: Siegeltemperaturfenster, Druckverteilung, Siegelfäche
  • MAP: Dichtheit und Stabilität über Laufzeit, Leckraten, Prozessfähigkeit
  • Shelf-Life-Performance: Barriere über Zeit, Lagerklima, Transport

Ein Testbeispiel hat gezeigt, dass faserbasierte Schalen für Ready-Meal-Konzepte mit guter Barriere stabil funktionieren, sofern die Beschichtung und der Siegelrand korrekt und mit guter Qualität ausgelegt und produziert sind, sodass Siegelprozesse reproduzierbar ablaufen. In der Umsetzung zeigt sich jedoch häufig, dass die Siegelnaht weniger „tolerant“ ist als bei Kunststoff: Laminierte Kartonschalen haben oftmals nicht die erforderliche Siegelrandqualität, was zu einer hohen Ausschussrate führt. Außerdem führen die stark abgewinkelten Ecken der Verpackung zu Leckagen und zum Einsatz von dicken Folien. Als Alternative bieten Dry-molded-Fiber-Trays qualitativ hochwertige Siegelränder. Die abgerundeten Ecken beanspruchen das Laminat nicht, und es können somit deutlich dünnere Folien eingesetzt werden.

„Faserbasiertes Material kann in der Verpackungswelt eine gleichwertige Option zu Kunststoff werden“, ist Dominik Bröllochs, Director Fiber Solutions bei der Optima Packaging Group, überzeugt.

Weitere Praxiserfahrungen machen deutlich: Low- bis Mid-Barriers können bereits mit inhärenten oder Top-Coat-Sprühbeschichtungen realisiert werden. Für High-Barrier-Lösungen werden Verpackungslösungen laminiert. Aus technischer Sicht werden Low-, Mid- und High-Barrier mit unterschiedlichen Barrieretechnologien verwirklicht. Grundsätzlich wichtig ist, dass eine faserbasierte Lösung auch mit den unterschiedlichen Barrierelösungen ihre Vorteile ausspielen kann, etwa was haptische Qualität, Bedruckbarkeit, Designfreiheit und Kreislauffähigkeit betrifft.

Auch im High-Barrier-Bereich (z. B. sehr sauerstoffsensitiv, sehr lange Haltbarkeit, anspruchsvolle MAP-Konzepte) arbeitet man an immer dünneren Barrierefolien und inhärenten Lösungen. Technisch geht es hier weniger um „entweder/oder“, sondern um die Frage: Wie dünn kann die Barriere sein, um funktional zu bleiben, und wie lässt sich das System trotzdem verwerten? Gleichzeitig muss die Barriere riss- und knickbeständig sein, insbesondere bei tiefgezogenen Formen und bei mechanischer Belastung in Linie und Logistik.

Serielle Großproduktion als Signal

Der Übergang von Pilotprojekten zur industriellen Großserie ist derzeit die größte Herausforderung und zugleich der Bereich, in dem sich die Branche am stärksten professionalisiert. Pilotanlagen sind notwendig, um Prozessfenster zu definieren und zu stabilisieren, Werkzeug- und Standzeitkonzepte zu validieren, Beschichtungs- und Laminierprozesse bei realistischen Taktzeiten zu testen sowie Qualitätsdaten über große Stückzahlen zu generieren.

Gerade im Barrierekontext ist Skalierung wichtig: Ein System, das im Labormaßstab oder in Kleinserie funktioniert, kann bei höheren Geschwindigkeiten und längeren Laufzeiten an Grenzen stoßen. Deshalb sind reale Produktionsdaten und belastbare Serienstrategien entscheidend.

Das Maschinenportfolio für die Industrialisierung von Dry Molded Fiber, Paper Forming und Paper Board Forming wird Optima auf der interpack zeigen. Außerdem präsentiert das Unternehmen eine der Maschinen im hauseigenen „Fiber Center“. Im Kontext der Industrialisierung ist das relevant, weil damit nicht nur die Machbarkeit, sondern die Fähigkeit, bei hoher Ausbringung stabile Qualität und reproduzierbare Prozessfenster zu erreichen, demonstriert wird.

Solche Anlagen liefern Daten zu Zykluszeiten, Energie- und Medienbedarf, Ausschussquoten, Barriereprozessstabilität sowie zur Integration von Veredelungs- und Qualitätssicherungsmodulen. Damit können Investitionsentscheidungen stärker auf gemessenen Serienparametern basieren statt auf Einzelergebnissen aus Pilot- oder Laborszenarien.

Teil eines technisch optimierten Materialmix

Langfristig werden faserbasierte Verpackungen Kunststoff nicht vollständig ersetzen, sondern das Materialspektrum gezielt erweitern. Entscheidend ist die anwendungsbezogene Wahl des Systems, sowohl technisch als auch wirtschaftlich und regulatorisch. Für die Marktdurchdringung sind drei Kriterien zentral: Funktionsgleichwertigkeit, Kosten und Qualität.

Gelingt es, Barrieren und Prozesse in diesem Sinne zu industrialisieren, werden faserbasierte Verpackungen den Schritt von der nachhaltigen Alternative zur industriell etablierten Lösung vollziehen – nicht als Universallösung, sondern als technisch belastbare Option für klar definierte Anwendungen.