„Alles Verteufelte und alles Positive kristallisiert sich in der Verpackung.“

Auf der interpack 2023 sprach Stefan Schulze-Hausmann live und exklusiv mit packaging journal über 15 Jahre Deutscher Nachhaltigkeitspreis und zum Wandel in Unternehmen.
Auf der interpack 2023 sprach Stefan Schulze-Hausmann live und exklusiv mit packaging journal über 15 Jahre Deutscher Nachhaltigkeitspreis und zum Wandel in Unternehmen. (Bild: packaging journal)

Nicht nur auf der diesjährigen interpack in Düsseldorf war Nachhaltigkeit eines der Themen, an denen man nicht vorbeikam – seit nunmehr vielen Jahren beschäftigt sich die Branche damit, wie Verpackungen, die Produktion und der Packprozess nachhaltiger werden können. Seit 2008 werden die Vorreiter der Branche mit dem Deutschen Nachhaltigkeitspreis ausgezeichnet. Stefan Schulze-Hausmann, Initiator des Deutschen Nachhaltigkeitspreises, sprach mit uns live auf der Messe über Trends in der Verpackung und warum sich Probleme und Hoffnungen in ihr kristallisieren.

Vor 15 Jahren ging es los mit dem Deutschen Nachhaltigkeitspreis. Warum damals? Was war deine Motivation?

Die Motivation damals war, dass das Thema Nachhaltigkeit größer wurde. Ich hatte vorher zehn Jahre lang einen anderen Preis moderiert, den Deutschen Umweltpreis. Das ist ein im Kern grüner Preis von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt, und das war damals zumindest für mich der einzige sichtbare Award für das ganze Thema Umweltschutz. Zu dieser Zeit kam das Thema Klimawandel immer stärker in den Vordergrund, viele haben von Nachhaltigkeit gesprochen. Und mir fiel auf, dass dazu eben gar kein Preis da war. Aber die Unternehmen haben sich ja damals enorm angefangen zu strecken nach diesem Thema. Und wir haben dann diesen Preis mit Partnern auf die Beine gestellt im Jahr 2008. Wie es im Nachhinein scheint, leichtsinnigerweise, denn das Thema hat nicht nur Fahrt aufgenommen, es ist auch immer komplexer geworden.
Jahr für Jahr bringt Stefan Schulze-Hausmann auch bekannte Persönlichkeiten auf die Bühne und sorgt so für noch mehr Aufmerksamkeit. 2022 konnte sich Fürst Albert II von Monaco über die Auszeichnung freuen.
Jahr für Jahr bringt Stefan Schulze-Hausmann auch bekannte Persönlichkeiten auf die Bühne und sorgt so für noch mehr Aufmerksamkeit. 2022 konnte sich Fürst Albert II von Monaco über die Auszeichnung freuen. (Bild: Raphael Stötzel)

Ja, absolut. Nachhaltigkeit ist im besten Fall für ein Unternehmen nichts Besonderes mehr, sondern etwas Selbstverständliches. Das heißt, die Vorreiter zu finden – und das ist ja die Idee des Deutschen Nachhaltigkeitspreises –,wird das nicht immer schwieriger?

Nein, ich glaube nicht. Du sagst mit Recht, heutzutage ist es für Unternehmen hoffentlich etwas Selbstverständliches. Selbstverständlich ist die Beschäftigung damit. Nicht selbstverständlich ist das Kerngeschäft zu verändern. Nicht selbstverständlich ist das sogenannte Housekeeping, also das, was in der Firma selbst passiert, auf Vordermann zu bringen. Es ist noch kein Mainstream. Und wenn du die vielen Hunderttausend Unternehmen in Deutschland anschaust, dann sind nicht alle Vorreiter. Natürlich nicht, sondern es gibt eine kleine Gruppe von denen, die es früh begonnen haben und die es ernst meinen und die sehr viel tun, die damit übrigens auch Geld verdienen. Das war ja damals so ein bisschen verpönt. Als es losging vor 15 Jahren, als wir gestartet haben, war es ja quasi Pflicht, zumindest zu sagen, dass man nachhaltig agiert, um die Umwelt zu schonen, um mit Mitarbeitern besser umzugehen. Dass Nachhaltigkeit auch ein echter Vorsprung ist in der Branche und ein echter Wettbewerbsvorteil ist, das hat sich erst später herausgestellt und wird auch erst jetzt offen gesagt.

Wir sind auf der Verpackungsmesse interpack. Du hast sicher den Blick auf die Entwicklungen, die es hier gibt in Sachen Nachhaltigkeit. Es geht um 100 Branchen, die ihr auszeichnet. Eine davon ist die Verpackung. Welchen Stellenwert hat sie unter diesen 100?

Es gibt zum Thema Verpackung eine kleine Geschichte bei uns. Wir haben 2008 angefangen, Unternehmen auszuzeichnen – groß, mittel, klein. Und die Verpackungsindustrie war von Anfang an aufmerksam. Wir haben Bewerbungen gehabt aus diesem Feld. Und vor sechs Jahren kam unser langjähriger Partner, Rewe, und sagte, wir wollen einen Sonderpreis machen mit euch zum Thema Verpackung. Hintergrund ist, dass natürlich so ein Handelsriese auch erst mal einen Hebel hat. Er kann mit seinen Herstellern darüber verhandeln, wie Ware günstigerweise verpackt ist, wo man sparen, reduzieren, umdenken kann, bei der Verpackungsgröße und so weiter. Und dann haben wir diesen Sonderpreis ins Leben gerufen. Der wurde fünfmal vergeben. In diesem Jahr machen wir etwas anderes mit Rewe, aber es hat sich gezeigt, dass in dieser Industrie tatsächlich viele Hebel sind. Da sage ich niemandem auf dieser Messe etwas Neues. Von Verpackung wird viel erwartet. Wir setzen viel voraus: Transportsicherheit, Hygiene, all die Anforderungen, die wir stellen. Und auf der anderen Seite verteufeln wir Verpackung, teilweise auch zu Recht, weil sie natürlich viel zu opulent manchmal daherkommt, aus Materialien gefertigt ist, die Umweltgifte enthalten und die in der Entsorgung riesengroße Probleme machen. Und sie verbleibt länger als du und vielleicht an Orten, wo du sie gar nicht haben willst und sie dir gar nicht vorgestellt hast. In der Verpackungswelt kristallisiert sich die ganze Nachhaltigkeitswelt. Alles, was vom Teufel ist, kristallisiert sich in der Verpackung. Alles, was man sich wünscht, was man an Vorteilen, an Positivem haben will, ist eben auch in der Verpackung. Und deswegen guckt man zum Beispiel Rewe, anderen Händlern, natürlich fast allen Firmen auf die Finger, wie die mit dem Thema umgehen. Und deswegen ist die interpack, wo eben diese Industrie sich trifft, auch eine wahnsinnig wichtige Messe, denn hier entscheiden sich die Dinge.
Der Deutsche Nachhaltigkeitspreis zählt zu den renommiertesten Preisen in Sachen Nachhaltigkeit und zeichnet in diesem Jahr die 100 Vorreiter aus.
Der Deutsche Nachhaltigkeitspreis zählt zu den renommiertesten Preisen in Sachen Nachhaltigkeit und zeichnet in diesem Jahr die 100 Vorreiter aus. (Bild: Deutscher Nachhaltigkeitspreis)

Du schaust aus zwei Blickwinkeln auf die Verpackung: als Konsument und „Branchenfremder“, und auf der anderen Seite als Experte durch deine 15 Jahre beim Deutschen Nachhaltigkeitspreis. Was siehst du denn für Trends, wenn du auf die Verpackung guckst?

Also, ich bin Journalist von Haus aus, und meine Fertigungstiefe ist nicht zu vergleichen mit der der Experten, die zuschauen oder die auf dieser Messe sind. Ein Thema ist ganz sicher das Thema natürliche Verpackungsstoffe. Wir hatten auch einen Designpreis über viele Jahre, der auch mit offenen Augen in die Verpackungswelt geschaut hat, und da ist eben der Sprung von den Kunststoffen zu den Naturstoffen evident. Da sieht man, angefangen von sehr sichtbaren und auch durch die Gesetzgebung ja vorgeschriebenen Dingen wie Strohhalmen, die jetzt nicht mehr aus Kunststoff sein dürfen, hin zu allen möglichen Welten, einen Wandel. Und da ist eine Verantwortung bei dieser Klientel, hier auf der Messe.

Ja, ich würde behaupten, die Verantwortung ist angekommen. Das haben die Unternehmen begriffen und eben auch, genau wie du am Anfang gesagt hast, als Wettbewerbsvorteil erkannt. Und inzwischen kannst du ohne gar nicht mehr.

Nee, sagen tun es alle mittlerweile. Das ist jetzt ja sozusagen Level Playing Field geworden. Alle sagen, da ist was mit Nachhaltigkeit. Die Website verrät es, da kommt ein bisschen grün rein. Aber das Thema Greenwashing ist natürlich auch ein Monsterthema. Das hört oben ziemlich auf bei den großen Unternehmen, die reporten müssen. Da sitzen dann die Wirtschaftsprüfer hinten dran, und dann ist eben die Ernsthaftigkeit von Zahlen gefragt. Aber so im Mittelbau befürchte ich, dass da noch eine ganze Menge, ich sag mal schön, gelogen wird. Das muss aufhören. Das hört auch zunehmend auf, aber da ist noch Handlungsbedarf.

Der 16. Deutsche Nachhaltigkeitspreis wird am 23. und 24. November 2023 in Düsseldorf verliehen. Erstmalig werden 100 Vorreiter in Sachen Nachhaltigkeit ausgezeichnet. packaging journal ist offizieller Medienpartner.

www.nachhaltigkeitspreis.de

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