Kurz vor dem Start der interpack 2026 trafen sich packaging journal, VDMA-Geschäftsführer Richard Clemens , interpack-Präsident Markus Rustler und Messe-Chef Thomas Dose zum Countdown-Talk in Düsseldorf. Die Stimmung ist gut – die Lage ernst.
Investitionen, die auf hold gesetzt werden. Aufträge, die nicht ausbleiben – aber auch nicht fließen, weil die Entscheidungen in den Chefetagen stocken. Und ein regulatorisches Regelwerk, das Fachkräfte beschäftigt, die eigentlich an Maschinen arbeiten sollten. Drei Wochen vor der interpack 2026 trafen sich packaging journal, Richard Clemens vom VDMA und Markus Rustler, CEO von Theegarten-Pactec und Präsident der interpack 2026, zum Countdown-Talk in der Merkur Spiel-Arena Düsseldorf – einen Steinwurf vom Messegelände entfernt. Das Gespräch mit Thomas Dohse, Director der interpack, ergab ein Stimmungsbild, das Vorfreude und Ernsthaftigkeit in gleichem Maß enthielt.
Heimat der Branche – aber kein leichtes Heimspiel
„Es ist die Heimat dieser Branche“, sagt Richard Clemens, und meint damit nicht nur die Geografie. Die interpack ist alle drei Jahre der Moment, an dem sich die globale Verpackungs- und Verarbeitungsindustrie nicht nur zeigt, sondern neu kalibriert. Rund 2.800 Aussteller aus mehr als 60 Ländern, vollständig ausgebuchte Hallen, Besucher aus aller Welt – die Zahlen sprechen für sich. Und doch ist das Umfeld, in dem die Messe 2026 stattfindet, ein anderes als noch 2023.
Clemens spricht von einer Auftragslage, die in den ersten Monaten des Jahres hinter den Erwartungen blieb. Nicht, weil es keine Projekte gebe. Sondern weil der Entscheidungsmut in vielen Unternehmen fehlt. Der Verlust an Planungssicherheit, so Clemens, sei das eigentliche Gift für eine Industrie, die auf Investitionszyklen angewiesen ist. Markus Rustler, der die Branche aus der Perspektive eines global aufgestellten Maschinenbauers kennt – Theegarten-Pactec liefert Verpackungsmaschinen für kleinstückige Süßwaren praktisch in jeden Winkel der Welt – bestätigt das Bild. Die Antwort seines Unternehmens: Geschwindigkeit. Wer in einem Umfeld ohne verlässliche Planung bestehen will, muss schneller werden als die Volatilität selbst.
Zölle, Geopolitik und das Ende der 120-Prozent-Lösung
Die geopolitische Lage ist im Gespräch allgegenwärtig, ohne dass ein Name fallen müsste. Rustler beschreibt eine bittere Ironie im US-Markt: Unternehmen, die im Rahmen von Nearshoring-Strategien Produktion nach Kanada verlagert haben, werden nun durch die Zollpolitik der eigenen US-Administration belastet. Im Süßwarensektor führt das dazu, dass Investitionen in neue Maschinenparks schlicht verschoben werden. Für Hersteller wie Theegarten-Pactec bedeutet das: Ein Kunde, der kaufen will und kaufen könnte, kauft nicht – weil die Rahmenbedingungen zu unsicher sind.
Clemens ergänzt die Perspektive des Verbands: Logistik-Hubs in der Region des Mittleren Ostens geraten durch Eskalationen unter Druck, der Zugang für Kunden aus Asien und Ozeanien zum europäischen Markt wird erschwert. Gewachsene Lieferbeziehungen, die über Jahre aufgebaut wurden, stehen plötzlich zur Disposition.
Was folgt daraus strategisch? Rustler formuliert es pointiert: Der globale Markt verlangt heute keine 120-Prozent-Lösung mehr, sondern eine 80-Prozent-Lösung, die lieferbar ist. Das klingt wie ein Eingeständnis – ist aber ein Realismus, den viele deutsche Maschinenbauer noch lernen müssen. Wachstumsmärkte wie Indien oder Teile Afrikas fragen nicht nach der technisch perfektionierten Anlage, sondern nach Lebensmittelsicherheit, Hygiene und Verlässlichkeit. Wer dort Fuß fassen will, muss Kundennähe vor Ingenieursperfektion stellen.

PPWR: Wenn Regulierung zur Ressourcenfrage wird
Kein Branchengespräch im Jahr 2026 kommt an der PPWR vorbei – der EU-Verpackungsverordnung, die ab August dieses Jahres in weiten Teilen verbindlich wird. Clemens beschreibt das Grunddilemma sachlich: Ein europaweit einheitliches Regelwerk schafft im Prinzip Planungssicherheit. Der Preis dafür ist ein bürokratischer Aufwand, der Fachkräfte bindet, die anderswo dringend gebraucht werden.
Besonders anschaulich wird das an einem Detail, das Clemens erwähnt: die zeitweise Debatte um die Wiederverwendbarkeit von Umreifungsbändern und Schrumpffolien. Der VDMA musste erheblichen Aufwand betreiben, um hier Ausnahmen für industriell schlicht nicht umsetzbare Anforderungen zu erwirken. Das sei kein Einzelfall, sondern Symptom einer Gesetzgebung, die an der betrieblichen Realität vorbeientworfen wurde.
Rustler sieht die wirtschaftlichen Folgen der PPWR nüchtern: Die Umstellungskosten werden auf den Endkonsumenten durchschlagen. Regulatorik, die gut gemeint ist, kann inflationär wirken – und das in einem Moment, in dem die Kaufkraft in vielen europäischen Märkten ohnehin unter Druck steht. Der Appell beider Gesprächspartner ist kein Nein zur Regulierung, sondern ein Plädoyer für praxistaugliche Umsetzung.
Software ist die neue Mechanik
Trotz allem bleibt die technologische Entwicklung der Antrieb, der die Branche nach vorne treibt. Rustler beschreibt einen Wandel, der sich über Jahrzehnte vollzogen hat: In den 1990er Jahren war die Servotechnik die Schlüsselinnovation im Verpackungsmaschinenbau. Heute ist Software von einem Randthema zur eigentlichen Kernkompetenz geworden. Wer Maschinen baut, baut längst auch Datenplattformen, Schnittstellenarchitekturen und KI-gestützte Prozessoptimierung.
Künstliche Intelligenz, so Rustler, werde auf der interpack 2026 viel Aufmerksamkeit bekommen – und er erwartet, dass ein Teil davon Hype ist, der sich relativiert. Aber der Kern bleibt: Energieeffizienz, autonome Optimierung, vorausschauende Wartung – das sind keine Versprechen mehr, sondern Produkte, die auf dem Messegelände stehen und demonstriert werden. Clemens ergänzt den Materialblick: Bei faserbasierten Verpackungslösungen erwartet er auf dieser interpack einen deutlichen Entwicklungssprung – Antworten auf die regulatorischen Anforderungen, die auch technisch überzeugen.
Die Systemrelevanz der Verpackungsindustrie ist dabei mehr als ein Argument in der politischen Debatte. Rustler und Clemens sind sich einig: Ohne Verpackungstechnologie keine sichere Lebensmittelversorgung, keine funktionsfähige Pharmalogistik, keine moderne Konsumgüterwirtschaft. In Märkten des globalen Südens, wo Hygienic Design und Produktschutz über Grundversorgung entscheiden, ist das keine abstrakte These.
Am 7.Mai öffnet die interpack ihre Tore. Die Branche kommt mit offenen Fragen – und mit dem festen Willen, Antworten mitzubringen.







