packaging journal TV Talk: Die Frau, die alle Register zieht

Gunda Rachut, Stiftung Zentrale Stelle Verpackungsregister

Es gibt viele wichtige Themen, aber auch viele interessante Menschen in der Verpackungsbranche. In unserem neuen Videotalkformat stellen wir sie Ihnen vor. Im Bestfall packende Gespräche, garantiert immer „verpackende“ Gespräche.

Heute: Gunda Rachut, Vorstand der Stiftung Zentrale Stelle Verpackungsregister. Nach zwei Jahren Verpackungsgesetz in Deutschland ist es Zeit für eine erste Bilanz. Was lief gut? Wo gibt es Nachbesserungsbedarf, und welche Rolle spielt die Corona-Pandemie?

Als Juristin kennen Sie sich mit Gesetzen aus. Jetzt geht es in Ihrer Arbeit vor allem um das Verpackungsgesetz. Welcher Paragraf hat es Ihnen am meisten angetan? Der 24., der 26. oder doch eher der 28.?

(Lacht) Alle. Aber ich sage mal: Natürlich ist das Thema ökologische Veränderung von Verpackungen eine Herzensangelegenheit. Was kann man tun, damit sie weniger, damit sie besser recycelbar wird, damit Rezyklat eingesetzt wird? Damit man also die Verpackung aus dem Image, dass das alles schlecht ist, herausholt. Sie ist ganz notwendig. Viele Dinge könnten nicht stattfinden, wenn wir sie nicht hätten. Aber natürlich braucht sie eine wirkliche Circular Economy.

Das Verpackungsgesetz ist gerade zwei Jahre alt geworden. In einer ersten Bilanz haben Sie kürzlich die Erfolge aufgezählt: Mehr Verpackungen werden recycelt, es gibt viel mehr Hersteller, die ihrer Produktverantwortung nachkommen. Weil sie es müssen oder weil sie es inzwischen auch wollen?

Unterschiedlich. Ich glaube, dass sich so langsam, aber sicher der Grundgedanke durchsetzt, dass man für sein Produkt verantwortlich ist, weil man das auf den Markt bringt und damit auch das Recycling mitgedacht werden muss. Bei den großen Unternehmen ist das Usus, bei einigen kleineren Unternehmen ist es nicht so einfach. Was schaffen sie? Haben sie ihr eigenes Personal? Und das ist auch der Grund, warum wir versuchen, es möglichst gut zu erklären, möglichst viel Arbeitshilfen zu geben.
(Bild: Stiftung Zentrale Stelle Verpackungsregister)

Sie sprechen von 13 Prozent Steigerung bei den recycelten Verpackungsmengen, bei den Kunststoffen wurden sogar 50 Prozent mehr werkstofflich verwertet. Wird diese Transformation durch die Corona-Pandemie eher gebremst?

Also erst einmal ist es natürlich eine ganz andere Situation für Verpackungen. Es stehen, bedingt dadurch, dass die Gastronomie nicht wirklich stattfindet oder es verstärkt Homeoffice gibt, Kühlhäuser über Monate leer. Dadurch gibt es im Bereich der Großverbraucherverpackungen, die vielleicht besser recycelbar sind, einen starken Rückgang. Wir haben stattdessen starken Zuwachs bei To-go-Verpackungen und Haushaltsverpackungen. Das alles landet nicht in einem Industriebetrieb, sondern in der heimischen Gelben Tonne. Dadurch sind die Entsorgungsmengen auch noch mal gestiegen. Das sind aber nicht unbedingt Mengen, die wirklich gut recycelbar sind.

Es gibt insgesamt eine Verschiebung von Kunststoffverpackungen zu faserbasierten Verpackungen. Wenn ich aber plötzlich so einen Shift habe, also von einem Material, bei dem ich zumindest ein gewisses Maß an Recyclingkapazitäten kontrolliert habe, zu einem anderen Material, wo ich die Recyclingkapazität nicht kontrolliert habe, dann ist das nicht so einfach. Ich bin gespannt, wie es in der Bilanz aussehen wird, wenn wir die Mengenstromnachweise im Juni bekommen.

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Welches sind Ihrer Meinung nach die größten Herausforderungen für dieses noch junge Jahr 2021?

Ganz klar ist das Recycling-gerechte Design von Verpackungen nach wie vor auf der Tagesordnung. Dafür engagieren wir uns. Da ist, glaube ich, schon noch Luft nach oben. Wir haben im Moment diverse Trends. Das ist nicht unbedingt nur ökologisch getrieben.

Aber wir haben auch die Antikunststoffrichtlinie, die das Ganze ein Stück weit mit triggert. Ob das immer in die Richtung Recycling-gerechtes Design geht, kann man noch nicht so ganz genau sagen. Es gibt gerade im Verpackungsmarkt ganz viele Treiber, die nicht alle in dieselbe Richtung gehen.

Letztlich werden alle Trends durch die Abfallhierarchie vorgegeben: vermeiden, verwerten und – nur wenn es überhaupt nicht anders geht – beseitigen. Das heißt also zu gucken, wie können wir die Aufgaben, die wir haben, in der Diskussion nach vorne bringen. Nämlich Mindeststandard, Recycling-gerechtes Design, aber bei den Systemen auch die finanzielle Förderung von Rezyklateinsatz. Für den ist es durch den Ölpreis schon schwieriger geworden. Es gibt viele gute Initiativen, und da hoffen wir einfach, dass es in die richtige Richtung geht. Wir werden da tätig werden und für Transparenz zu sorgen.

Denn das tut ja das Verpackungsregister. Sie sagen aber auch, es gibt Schwachstellen im Verpackungsgesetz. Welche sind das?

Was wir deutlich sehen, wo wir auch tätig geworden sind: Wir haben natürlich einen klassischen Trend zu mehr Verpackungen. Das ist jetzt nicht die generelle Kunststoffverpackung, die wird eher weniger. Aber wir haben einen Trend zu To-go. Das ist natürlich durch Corona jetzt noch mal ganz stark gepusht. Genauso wie der starke Trend zu mehr Onlinehandel. Beides wird sich nicht in vollem Umfang wieder zurück entwickeln. Dazu hat der Gesetzgeber jetzt ein neues Verpackungsgesetz vorgelegt, mit bestimmten Vorgaben an Mehrwegverpackungen auch im Bereich des Außer-Haus-Verzehrs. Wir haben selber zwei Expertenkreise ins Leben gerufen. Einen zu Serviceverpackungen und einen zu Versand- und Onlinehandel. Dort wollen wir schauen, was gibt es für Möglichkeiten, die Compliance noch mal zu verbessern und wirklich dahin zu kommen, dass die Abfallhierarchie auch besser umgesetzt wird.

Auch zum Versand- und Onlinehandel hat der Gesetzgeber etwas Neues geregelt. Es soll eine Plattformhaftung geben für das Anbieten von Waren, die jetzt verpackt, aber nicht registriert sind. Also da geschieht schon einiges. Der Gesetzgeber ist sich dessen bewusst, und wir versuchen, jetzt noch mal darüber hinaus mit den Playern zu sprechen. Wo sind noch die Punkte, die betrachtet werden müssen? Müssen wir vielleicht in chinesischer Sprache tätig werden? Was können wir mit den großen Plattformbetreibern machen? Gibt es mit Kurier-, Express- und Paketdiensten eine Möglichkeit der Zusammenarbeit? Das sind unsere Stellschrauben, um die Situation noch mal ein bisschen nach vorne zu bringen.

Wo steht Deutschland im europäischen Vergleich?

Was mir wirklich Sorge macht, ist, dass man darauf achten muss, die Hersteller mitzunehmen. Wir haben das große Privileg, dass wir mit vielen Herstellern direkt im Kontakt sind. Wir haben allein im ersten Jahr 60.000 Anfragen beantwortet, und so kriegen wir wirklich mit, was sie antreibt. Und da habe ich manchmal den Eindruck, dass Europa ein Stück weit zu weit weg ist. Und Ergebnisse rauskommen, die gerade für diese Vielzahl an kleinen und mittleren Unternehmen so nicht mehr umsetzbar sind, insbesondere wenn es wirklich jeder Staat unterschiedlich umsetzt. Das macht mir ein bisschen Sorge. Da glaube ich, dass es wichtig ist, das im Auge zu behalten.

Erschienen in packaging journal 1/2021

Außerdem in dieser Ausgabe: 

Dauertrend Nachhaltigkeit, Special Packmittel und Packstoffe, Packaging mit dem gewissen X-tra bei Sabeu, Verpackungsrecycling mit Holygrail 2.0, Verpackungstechnik: Maßgeschneiderte Antriebstechnik, Vernetztes Arbeiten in der Produktion, Unternehmensportrait Wetropa, Pharmaglas schützt Corona-Impfstoff,  Digitale Farbsysteme für den Verpackungsdruck und vieles mehr

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