Verpackungskongress im Zeichen der Krise(n)

Zwei Tage lang drehte sich im Berliner dbb Forum alles um die Verpackung. (Alle Bilder: dvi/Cathrin Bach)
Wie VUCA die (Verpackungs-)Welt verändert, Verpackungskogress 2023 im dbb Forum. Auditorium

Bereits zum 18. Mal fand in diesem Jahr der Deutsche Verpackungskongress statt, 2023 unter dem Motto „VUCA“. Das packaging journal war live vor Ort und fand informative Vorträge, lebhaften Austausch und angeregte Diskussionen vor.

VUCA – Volatility, Uncertainty, Complexity, Ambiguity. Unter diesem Motto fand am 30. und 31. März im Berliner dbb Forum der 18. Deutsche Verpackungskongress statt, ausgerichtet vom Deutschen Verpackungsinstitut (dvi). Passender hätte das Thema nicht sein können, hat sich die Welt in den letzten drei Jahren doch gleich auf mehreren Ebenen fundamental verändert. Klimakrise, Pandemie und Krieg haben auch der Verpackungsbranche ihr Siegel aufgedrückt. Über die Mittel und Wege für Marken und Unternehmen, sich in dieser neuen, herausfordernden Welt zurechtzufinden und am Markt Bestand zu haben, darüber wurde in der Bundeshauptstadt angeregt diskutiert.

Eröffnet und trefflich moderiert wurde der erste Veranstaltungstag von Claudia Fasse, Geschäftsführerin der Fasse + Bieger Strategische Kommunikation. „Es gibt wohl kaum eine Branche, die von sich behaupten kann, dass heute noch alles so ist wie vor fünf Jahren. Es wird so viel umgestaltet, es gibt so viel zu erreichen. Die Wettbewerbsfähigkeit nicht verlieren und gleichzeitig Chancen sehen und ergreifen, darum soll es heute gehen“, umriss Fasse pointiert die Agenda.

Dialogbereitschaft vorhanden

Nachdem zunächst unklar war, ob er es rechtzeitig schaffen würde, – der Berliner Verkehr war noch geprägt vom royal-britischen Besuch – stand dann aber Michael Kellner rechtzeitig für den ersten Vortrag des Tages auf der Bühne.

Der grüne Bundestagsabgeordnete und parlamentarische Staatssekretär beim Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz (BMWK) war in seiner Funktion als Mittelstandsbeauftragter der Bundesregierung auf dem Kongress das Sprachrohr der Politik. Und, vielleicht überraschend für manche, kam dieses Sprachrohr nicht mit erhobenem Zeigefinger ins dbb Forum. „Die Leistung der Verpackung, der Umgang mit Ressourcen müssen stärker ins Bewusstsein rücken“, klang es da von der Bühne. „Wir brauchen den engen Dialog, den engen Austausch mit der Verpackungsbranche“, so Kellner.

Die anschließende Diskussion mit dvi-Geschäftsführerin Kim Cheng, bei der auch Wortmeldungen aus dem Publikum nicht zu kurz kamen, zeigte, dass Dialogbereitschaft und Gesprächsbedarf durchaus vorhanden sind.

In zwei Vorträgen erläuterten dann Frank Heinricht, Vorsitzender der Schott AG, und Peter Biele, CEO von thyssenkrupp Rasselstein, den Weg der jeweiligen Unternehmen zur Klimaneutralität. Dass es sich dabei um zwei der energieintensivsten Branchen handelte – Glas- und Stahlproduktion – machte die Einblicke noch eindrücklicher.

Bei Schott etwa plant man bereits für 2030, klimaneutral Glas zu produzieren – mittels grünem Strom und Wasserstoff. Bei thyssenkrupp steht die klimaneutrale Stahlproduktion zwar erst für 2045 auf dem Programm. Angesichts der dafür erforderlichen Einsparungen ist das aber dennoch eine beeindruckende Zielmarke. „Sie müssen sich klarmachen: Wir [gemeint ist der gesamte Bereich Stahl bei thyssenkrupp, Anm. d. Red.] verursachen das Zehnfache vom CO2-Verbrauch des gesamten deutschen Flugverkehrs. Allein dafür bräuchten wir an die 3800 Windräder“, so Biele. Hier werden die Augen vor den bestehenden Problemen nicht geschlossen.

Die Lösung liegt für den CEO auf der Hand. „Wir nehmen, simpel, die Kohle raus und packen Wasserstoff rein.“ Grüner Wasserstoff als Hoffnungsträger einer ganzen Branche.

Dieter-Berndt-Preis für Alfred Theodor Ritter

Doch nicht nur die Packmittelproduzenten, auch die Anwender stehen unter Druck. Das wurde im Vortrag „Disruption als Chance“ von Thomas Reiner, CEO der Berndt+Partner Group, mehr als deutlich. „Die Grundaufgabe der Marke ist es, eine Orientierung und Entscheidungssicherheit zu geben. Im digitalen Rahmen aber können die Leute sich anders orientieren, auf Online-Plattformen austauschen“, so Reiner.

Außerdem seien Marken zu sehr am Handel, also quasi B2B-orientiert, und stünden nicht so sehr in direktem Kontakt mit Konsumentinnen und Konsumenten, wie etwa Start-ups es tun.

Dass allerdings für Marken noch lange nicht die Götterdämmerung gekommen ist, zeigte die Verleihung des Dieter-Berndt-Preises an Alfred Theodor Ritter, Unternehmer und Eigentümer der Alfred Ritter GmbH, den meisten wohl durch die Schokoladenmarke „Ritter Sport“ bekannt. „Sie gönnen sich den Luxus einer eigenen Meinung. Sie verstehen Betriebswirtschaft und Sie verstehen die Menschen“, richtete Oliver Berndt, Bereichsleiter Event & Marketing beim dvi, das Wort in seiner gelungenen Laudatio an den frisch gekürten Preisträger.

Der 1953 geborene Ritter, der nach einem Studium der Psychologie Anfang der 80er zunächst als Psychotherapeut in Heidelberg tätig war, stieg ab Mitte der 80er in die Unternehmensführung ein. Maßgeblich für seinen persönlichen Wertekompass wie auch seine richtungsweisenden Entscheidungen im Unternehmen war das Reaktorunglück in Tschernobyl 1986 – durch das nicht zuletzt die Haselnuss-Ernte in der Türkei vernichtet und damit auch die Schokoladenproduktion beeinträchtigt wurde.

„Für mich hat Tschernobyl die Welt ziemlich umgedreht. Ich habe gemerkt, wir müssen mit dieser Welt sorgsamer umgehen“, so Ritter.

Eine gelungene Veranstaltung

Wie im Detail auch großen Unternehmen und Unternehmensgruppe eine solche nachhaltige Wende gelingen kann, das erläuterte Eva Bredehorst, Global Packaging Sustainability Manager bei Beiersdorf.

Während Verpackungen wie die klassische Nivea-Dose bereits aufgrund des Materials für effizientes Recycling geeignet sind, gestaltet sich dies bei Shampoo-Flaschen und Creme-Tuben schwieriger, ist aber dennoch notwendig. „Es ist unser Auftrag als Inverkehrbringer, dass Verpackungen wieder recycelbar sind“, so Bredehrost. „Gleichzeitig ist hier auch ein Zusammenspiel mit den Recyclern nötig, damit Verpackungen auch tatsächlich wiederverwertet werden, und nicht nur dafür designt sind.“

Insgesamt bot die Auswahl der Sprecherinnen und Sprecher auf dem Verpackungskongress ein breites und ausgewogenes Bild der Branche. Auch kritische Stimmen kamen zu Wort, wie etwa der Journalist Benedict Wermter („Die Recyclinglüge“, 2022) oder der Bundestagsabgeordnete Jan-Niclas Gesenhues (Bündnis90/Die Grünen), Leiter der AG Umwelt, Naturschutz, nukleare Sicherheit und Verbraucherschutz.

Einen gänzlich ungewohnten Blick auf die Weltlage eröffnete zum Abschluss des ersten Veranstaltungstages dann Hans-Lothar Domröse, General a. D. und ehemaliger Nato-Befehlshaber. „China ist die größte ökonomische Gefahr, Russland die größte akute“, äußerte sich Domröse und beleuchtete so sehr konkret einen Aspekt, der bis dahin auf dem Kongress nur am Rande zur Sprache kam.

Am zweiten Veranstaltungstag konnten die Besucherinnen und Besucher dann an verschiedenen Workshops teilnehmen. Im Fokus stand zumeist die Zusammenarbeit von Unternehmen mit Start-ups – eine Beziehung, die nicht immer reibungslos verläuft.

Im Workshop „Erfolgsfaktoren in der Kollaboration zwischen Unternehmen und Start-Ups“, der von Melissa Ott und Bianca Mok von der Gründungsplattform Futury geführt wurde, äußerte sich ein Teilnehmer: „Die Start-ups machen häufig erst mal, bevor sie die ganzen Risiken dahinter sehen. Das sehen wir oft kritisch, aber vielleicht müssen wir das auch mal positiv sehen.“ Insgesamt zeigten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer einen starken Drang nach Diskussion und Austausch. Dafür war das Workshop-Format absolut geeignet.

Kurzum: Der 18. Deutsche Verpackungskongress war ein voller Erfolg. Die Besucherinnen und Besucher werden sicher noch lange von den Vorträgen zehren können und dürften ihr Netzwerk gehörig erweitert haben. Krise hin oder her, aus dieser Veranstaltung ging man mit einem guten Gefühl.

www.verpackung.org

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