packaging journal TV Talk: Bessere Recyclingfähigkeit – geringere Lizenzgebühren?

Jörg Deppmeyer
Geschäftsführer Vertrieb beim Grünen Punkt Duales System Deutschland

Die Themen Recycling und der Einsatz von Rezyklaten wurden auf dem Deutschen Verpackungskongress ausgiebig diskutiert. Wie hier die aktuellen Entwicklungen aussehen und inwiefern Hersteller von nachhaltigen Verpackungen profitieren könnten, darüber haben wir mit Jörg Deppmeyer, Geschäftsführer Vertrieb beim Grünen Punkt Duales System Deutschland, gesprochen, einem der Partnerunternehmen der diesjährigen Veranstaltung.

Jörg Deppmeyer ist seit 2018 Geschäftsführer Vertrieb beim Grünen Punkt. (Bild: Der Grüne Punkt)

Herr Deppmeyer, Ihr Thema ist natürlich: Wie bekommen wir Kunststoffverpackungen in einen Kreislauf? Eine einfache Frage, die so wichtig ist für alle, die verpacken und Verpackungsmaterialien herstellen. Also, ist Recycelbarkeit planbar?

Das ist im Prinzip der Beginn der Kreislaufwirtschaft, denn sie hängt ganz wesentlich vom Inputmaterial ab. Und idealerweise sollte dieses nach unserem Gusto so wenig komplex sein wie möglich. Wir sind, wann immer es irgendwie geht, ein großer Fan von Monomaterialien. Das heißt möglichst wenig komplexe Verpackung, wenig mehrschichtige Verpackung aus unterschiedlichen Materialien. Es ist immer eine gute Ausgangslage, wenn man mit dem Material, das der Verbraucher zu Hause in den Gelben Sack oder in die Gelbe Tonne wirft, tolle Recyclingprozesse anstoßen kann und hochwertiges Material bekommt, das wir am Ende des Tages unseren Kunden und Partnern wieder zur Verfügung stellen. Also: Design for Recycling ist das Wort der Stunde.

Design for Recycling meint, dass man sehr früh ansetzt, um Ihnen das Leben leichter zu machen.

Auf jeden Fall. Design for Recycling meint nichts anderes, als dass man sich möglichst in der Gestaltungsfrage und auch in der Zusammensetzung der Materialien daran hält. Wir appellieren beispielsweise an unsere Kunden, wenn es um Druckfarben geht, direkt Druckfarben zu verwenden, die sich möglichst leicht herauswaschen lassen, sodass sie später Recyclingprozesse nicht behindern.

Aber nicht nur die Verpackungsgestaltung spielt eine ganz große Rolle. Am Ende muss auch der Verbraucher mitspielen. Er muss schlussendlich die Entsorgung zu Hause idealerweise in das richtige Behältnis vornehmen. Verpackungen gehören eben in den Gelben Sack, da kann man eine Menge wieder mit anstellen. Was aus Papier besteht, bitteschön in die blaue Tonne. Und Bio eben in den Bioabfall. Und dann gibt es eben noch die berühmte Restetonne, wo heute sehr, sehr viel drin landet, wovon das eine oder andere eigentlich Verpackung wäre und tatsächlich im Gelben Sack oder in der Gelben Tonne besser aufgehoben wäre.
Seit 1992 wird in Deutschland Müll getrennt. (Bild: Der Grüne Punkt)
Bereits seit 1991 trennen die Deutschen ihren Abfall. (Bild: Der Grüne Punkt)

Sie haben das ja bereits verinnerlicht. Aber gibt‘s da auch etwas, was die Verpackungsindustrie tun kann, um es leichter zu machen?

Die Verpackungsindustrie konzentriert sich am besten darauf, möglichst viel Komplexität aus den Verpackungen herauszunehmen. Je einfacher, je mehr Monostrukturen, desto besser. Das ist schon mal ein ganz wesentlicher Hinweis. Denken Sie z. B. an eine Monokunststoffverpackung aus Polypropylen, die lässt sich hervorragend recyceln. Heute haben wir oftmals aus Überlegungen, die aber manchmal gar nicht sein müssen, Multilayer-Verpackungen aus verschiedenen Kunststoffarten. Das macht Sinn, wenn z. B. das Lebensmittel geschützt oder Foodwaste verhindert werden soll. Aber in vielen, vielen Fällen lässt sich tatsächlich ohne viel Aufwand die Verpackung vereinfachen und Komplexität herausnehmen.

Das ganze Interview im packaging journal TV Talk

In puncto Monomaterialien hat sich ja viel getan, auch beim Thema Etiketten. Wo stehen wir da gerade? Ist die Industrie gut genug aufgestellt?

In der Theorie, ja. Bei der Frage, was habe ich eigentlich davon, wenn ich mich bemühe, Komplexität rauszunehmen, gerät es ein Stück weit ins Straucheln. Wenn ich versuche, Verpackung zu reduzieren und zu vereinfachen, gibt es auch finanzielle Anreize? Da gibt es einige Punkte im Verpackungsgesetz, die sind gut gemeint, aber nicht ganz zu Ende gedacht oder umgesetzt. Dass es dort einer regulatorischen Nachbesserung bedarf, ist mittlerweile den zuständigen Stellen in Berlin auch bewusst. Denn man tut sich natürlich als Industrie leichter, etwas zu verändern, wenn vielleicht am Ende des Tunnels auch noch eine kleine Belohnung winkt.

Die wie aussehen könnte?

Tatsächlich in Form von Rückzahlungen. Der Paragraf 21 des Verpackungsgesetzes sieht beispielsweise ein Bonus-Malus-System vor. Dort wird darüber gesprochen, dass derjenige, der sich beim Thema Design für Recycling besonders Mühe gibt, bonifiziert werden soll. Und derjenige, der sich weniger Mühe gibt, also komplexere Verpackungen eingibt, eher mit einem Malus bestraft werden soll. Der Gedanke dahinter ist nicht neu, aber leider Gottes ist das Verpackungsgesetz hier in der Theorie hängen geblieben: Es fehlt letztendlich an den Stellschrauben, um dort wirklich in die Umsetzung zu kommen. Der Gesetzgeber hat das meines Erachtens erkannt, und auch die Zentrale Stelle Verpackungsregister wird nicht müde, darauf hinzuweisen. Insofern bin ich guten Mutes, dass wir mit der nächsten Novelle des Verpackungsgesetzes dort eine Korrektur erhalten. Das heißt, wer sich dann in Zukunft in Design und der Zusammensetzung des Verpackungsmaterials entsprechend aufstellt, wird am Ende mit weniger hohen Lizenzgebühren für das Inverkehrbringen seiner Verpackung belohnt.

Was ein interessanter Ansatz ist. Denn gerade, wenn Sie Regulatorien ansprechen und jetzt auch einiges ausgeführt haben, in dieser Industrie leiden ja viele darunter. Das ließe sich ja dadurch vielleicht ein bisschen verbessern und abschwächen?

Auf jeden Fall. Wir sehen das an anderen Stellen ja auch. Wenn ich wirklich etwas im Kreislauf führen will, dann ist es ja nicht nur so, dass ich am Input ansetzen muss, es kommt ja nach dem Recyclingprozess auch etwas heraus. Bei Altpapier oder bei Altglas sind wir es gewohnt, beides im Alltag zu verwenden. Dass das Gurkenglas einen Anteil an Altglas enthält, hinterfragen wir überhaupt nicht. Wohingegen wir uns bei Kunststoffen noch schwerer tun. Und da würde ich mir wünschen, dass der Markt und insbesondere die Nachfrage noch viel, viel stärker anspringen. Hier sind wir wirklich erst ganz am Anfang. Und wissen Sie, in Deutschland gibt‘s genug Parkbänke und Ähnliches aus Altplastik. Jetzt geht‘s darum, tatsächlich vom „Regal ins Regal“ zu denken. Das heißt, das, was gestern noch als Verpackung im Regal stand, finden wir in einer idealen Welt morgen auch wieder in den Supermarktregalen – und dann bestehend aus Altplastik. Das haben wir jetzt als nächste große Aufgabe vor uns.

Absolut. Und diese ideale Welt ist wie weit entfernt?

Sie ist gar nicht so weit entfernt. Was technisch machbar ist, haben zahlreiche Industriepartner in völlig unterschiedlichen Warengruppen bereits bewiesen. Denken Sie an bestimmte Anwendungen wie Duschgel, um mal einen Bereich zu nennen, der aus meiner Sicht schon relativ sophisticated, also anspruchsvoll ist. Dort gibt es diese Anwendung aus Altplastik bereits. Shampoo und Ähnliches ist denkbar. Von daher ist man schon sehr, sehr nahe herangerückt an die Massenartikel, selbst der Lebensmittelbranche. Wobei man sagen muss: Bei den Anforderungen für Primärverpackungen bei Lebensmitteln ist es tatsächlich noch nicht denkbar, Rezyklate einzusetzen, die aus einer gemischten Haushaltswarensammlung stammen. Da gibt es vom Gesetzgeber noch klare Grenzen und Barrieren. Aber im Bereich Sekundär- oder Tertiärverpackung kann die Lebensmittelbranche in das Thema Einsatz von Rezyklaten genauso einsteigen wie es im Non-Food-Bereich heute schon für viele Usus ist. Aber da geht viel, viel, viel mehr.

Erschienen in packaging journal 2-3/2021

Außerdem in dieser Ausgabe: 

Nachhaltigkeit: Verpackungen aus eigenen Rezyklaten im Trend

Verpackungstechnik: Einstiegsschwelle für automatisierte Lösungen sinkt

Marketing, Design: Neue Konzepte für neue Produkte

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